Eiserne Beine Von Süleyman Kurt

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Eiserne Beine als Audio

 

 

 

1. KAPITEL

 

Mein Körper

 

Mein Körper ist total spastisch. Das heißt: Ich kann meine Muskelbewegungen nicht unter Kontrolle halten. Besonders dann, wenn ich aufgeregt bin, oder wenn es sehr laut um mich ist. Es kommt aber darauf an, wie schwer man spastisch gelähmt ist. Ich zum Beispiel kann meine Hände bewegen, habe aber keine Kontrolle über meine Füße. Weiters bin ich sehr lärmempfindlich. Wenn ich einen Lärm zum erstenmal höre, dann zucke ich zu­sammen, obwohl ich keine Angst habe. Meine Sprache ist auch schlecht verständlich; am meisten wenn ich aufge­regt bin, oder wenn ich jemanden ansprechen will, den ich nicht kenne. Deshalb werde ich oft auch für geistig behindert gehalten. Wenn ich anderen etwas sage, dann verstehen sie mich nicht, tun aber so, als ob sie mich verstünden, obwohl sie mich nicht verstehen. Wenn es aber etwas Wichtiges ist, sage ich es noch einmal, dann schauen sie blöd.

 

Ab und zu verletze ich mich und andere, aber nicht absichtlich. Als ich noch in der Türkei lebte - damals war ich ungefähr neun bis zehn Jahre alt - wollte ich mir mein Gesicht kratzen, weil eine Fliege darauf saß. Dabei bekam ich einen Krampf in meiner linken Hand und verletzte mich sehr. Dies blieb nicht die einzige Verletzung, die ich mir zufügte habe. Als ich älter wurde, tauchten noch mehrere Probleme auf. Oft sind die Füße so verkrampft, daß ich sie nicht um die Burg aus­einander bringe. Deshalb kommt es immer wieder zu Verletzungen an anderen und an mir selbst. Je älter ich werde, desto  größer/gefährlicher werden diese Probleme.

Einmal beispielsweise, als ich 20 war und noch zu Hause lebte, wollte mich meine Mutter hochheben; dabei klemmte ich ihre Brust zwischen meinen Knien ein. Daraufhin ließ sie mich auf den Boden fallen und schrie wie am Spieß. Dabei versetzte sie mir noch ein paar Ohrfeigen, obwohl sie ganz genau wußte, daß ich so et­was nie absichtlich machen würde.

Dasselbe passierte mir mit einer Betreuerin in der Lebenshilfe; im Gegensatz zu meiner Mutter schimpfte sie nicht einmal mit mir.

An mir selbst sind die Hoden die meistgefährdeten Körperteile (Ich klemme sie - meine Hoden - mir zwi­schen den Beinen ein).

Vor fünf Jahren war es besonders schlimm. Als ich auf­wachte, waren meine Hoden bis auf Tennisballgröße gescholtene. Ich wollte zu dieser Zeit aber unbedingt in den Urlaub in die Steiermark; was dann auch klappte, nachdem im Krankenhaus die Sache abgeklärt worden war. (Ich versprach dem Arzt, in der Steiermark einen Doktor aufzusuchen.)

 

Nach dem Urlaub hatte die Schwellung zwar nachgelassen, ein Hoden aber war steinhart! Trotzdem spürte ich keine Schmerzen. Obwohl mich meine Betreuer drängten, ins Krankenhaus zu gehen, vertröstete mich mein Hausarzt ca. drei Wochen, bis mich seine Urlaubsvertretung ins Krankenhaus überwies.

Aber ich hatte natürlich etwas viel Besseres zu tun, als ins Krankenhaus zu gehen. Denn auf der Neuburg in Götzis war ein zweiwöchiges Rollstuhlfahrerlager ange­sagt. Ich hatte einen Einweisungsschein in der Tasche für den Fall, daß meine Situation kritisch würde, doch Gott sei Dank passierte nichts.

Als ich endlich im Krankenhaus war, stellten die Ärzte fest, daß ich an Hodenkrebs erkrankt war und sofort operiert werden mußte.

Zunächst weigerte ich mich natürlich, da ich um meine Männlichkeit fürchtete.

Dann hatte ich die Idee, mir die Hoden eines frisch Verstorbenen einpflanzen zu lassen... Die Ärzte bogen sich vor lachen: Wir sind doch keine Eierhändler! Ein Ei tut's auch!!

 

Unmittelbar vor dem Eingriff befiel mich so eine Angst, daß ich kein einziges Wort sprechen konnte. Ich bekam eine Beruhigungsspritze, doch das machte alles nur noch schlimmer. ...dann fiel ich in eine tiefe Narkose...  Als ich wieder zu mir kam, standen meine Eltern und Geschwister weinend am Bett. Ich fragte, warum sie denn weinten - EIN EI IM SACK IST IMMER NOCH BESSER, ALS EIN SÜLO IM SARG!!!!!!!!!!!!!

 

2. KAPITEL

  

Frühe Erinnerungen

 

 

Als ich ein Jahr alt war, bemerkten meine Eltern, daß ich nicht laufen konnte. Im Alter von ungefähr 45 Tagen hatte ich vermutlich (nach Meinung der Eltern) Gelbsucht gehabt, ich war damals ganz gelb am Körper gewesen. Meine Mutter und meine Großeltern, bei denen ich damals am Bauernhof lebte, wußten keinen Rat. Sie baten einige alte Frauen aus dem Dorf um Hilfe, die nach alter Tradition ein rituelles Gebet für mich ab­hielten.

 

Zunächst legten sie mir einen goldenen Ring ins Badewasser und badeten mich darin; der Ring war nicht von besonderer Bedeutung, wichtig war nur, daß er aus Gold war. Dann holten sie aus dem Keller Spinnweben, verbrannten sie, und die Asche davon wurde mir auf den durch ein Tuch bedeckten Kopf gestreut. Während der Prozedur sagten die alten Frauen moslemische Gebete auf. Schließlich wanderten sie noch, diese Gebete wie­derholend, durch das Haus und verschwanden. Bevor sie gekommen waren und während ihrer Anwesenheit, war ich verhältnismäßig ruhig gewesen, doch gleich nachdem sie gegangen waren, begann ich, so erzählt meine Mutter, Tag und Nacht zu weinen. Dieser unruhige Zustand, in dem ich sehr oft schrie und weinte, dauerte etwa ein Jahr lang.

 

Mein Vater arbeitete damals für eine Baufirma in Istanbul. Als er auf Urlaub nach Hause kam und mich sah, wollte er mich zum Arzt bringen, aber die Großmutter war dagegen, weil sie glaubte, ich würde bald sterben. Sie sagte zum Vater: "Du wirst nur um­sonst Geld ausgeben." Er ließ sich umstimmen, sagte aber, daß er, falls der unterlassene Arztbesuch Folgen haben sollte, keine Schuld tragen würde, und ging nach Istanbul.

 

Als ich zwei Jahre alt war, konnte ich noch immer nicht laufen. Damals heiratete meine Tante, eine Schwester meines Vaters, in Istanbul; sie sagte, sie würde mich zu sich nehmen, und meine Mutter war einverstanden. Ich kam also mit meiner Tante nach Istanbul, und sie brachte mich dort zu einem Doktor, aber er war kein guter Arzt, der meine Krankheit erkannt hätte. Er gab mir mehrere Spritzen, worauf ich immer dicker wurde. Laufen konnte ich aber immer noch nicht. Ich bekam eine Zeit lang jede Woche eine Spritze. Wenn ich hörte, daß die Krankenschwester kam, krabbelte ich unter das Bett, so eine große Angst hatte ich davor. Nach acht oder neun Monaten kam ich wieder zurück zu meiner Mutter auf den Bauernhof meiner Großeltern.

 

Dann heiratete die zweite Schwester meines Vaters, da­mals war ich etwa fünf Jahre alt. Meine Tante heiratete einen Polizisten; dieser Mann hatte gute Beziehungen zu einem guten Kommissar, der wiederum einen angesehenen Arzt kannte. Dieser Arzt war ein Professor und nahm ei­gentlich gar keine Patienten. Bei mir machte er wegen der Empfehlung des Kommissars eine Ausnahme. Als er mich zum ersten Mal sah, fragte er: "Hat dieses Kind einmal eine Gelbsucht gehabt?" Meine Eltern antworte­ten: "Ja." Darauf sprach der Doktor mit meinen Eltern allein.

 

Damals, als ich zu diesem Professor gebracht wurde, lebte mein Vater schon in Vorarlberg und war gerade auf Urlaub in der Türkei. Mein Vater sagte zu diesem Professor: "Können Sie gar nichts machen? Machen Sie sich keine Sorgen wegen dem Geld!" Der Arzt meinte: "Es ist zu spät." Er sagte weiter, daß meine Eltern mich bei meiner Gelbsucht hätten zum Arzt bringen müssen, und daß damals mein Blut hätte ausgetauscht oder behan­delt werden müssen.

 

Mein Vater fragte, ob es in den europäischen Ländern bessere Möglichkeiten gäbe, und der Arzt antwortete, daß es in der Türkei zwar gute Doktoren, aber eine schlechte technische Ausrüstung gäbe, und daß in Europa vielleicht bessere Möglichkeiten vorhanden wären, meine Lage ein wenig zu verbessern.

 

Der Professor legte mir dann noch Tierbilder vor, und ich mußte erraten, was für Tiere abgebildet waren; er befand mich für geistig normal und sagte, daß viele Spastiker auch geistig behindert wären, und daß meine Eltern deshalb froh sein sollten.

 

Als ich fünf Jahre alt war, sprach ich zum ersten Mal: Ich mußte auf die Toilette und rief: "MAMA!" Meine Mutter glaubte, es sei ein Wunder geschehen, und ich sei wieder gesund und könnte gehen. Es hatte mit mir niemand das Sprechen geübt, weil alle geglaubt hatten, ich würde sterben müssen. Vielleicht hatten sie auch angenommen, daß ich geistig behindert sei und deshalb nicht sprechen könnte.

 

Nachdem ich an diesem winterlichen Herbsttag im Bett liegend zum ersten Mal etwas Verständliches gesagt hatte, begann ich nach und nach alle Namen zu sagen und lernte langsam zu sprechen.

 

Als ich sechs Jahre alt war, da konnte ich kaum richtig sitzen.

 

Da baute mein Großvater nach meinem Körper einen Stuhl für mich, auf dem konnte ich gut sitzen, er hatte auch Lehnen. Die Großmutter nähte für mich Polster.

Wir hatten zwei Bauernhöfe, die etwa einen Kilometer auseinander lagen; wir lebten zuerst auf dem kleineren, der auch der ältere war, und ich wollte unbedingt ein­mal mit meinen Großeltern und meiner Mutter den größe­ren Bauernhof anschauen. Mein Großvater hatte zwei Stiere, er besorgte sich einen Karren und spannte die Stiere vor. Er nahm meinen Stuhl, stellte ihn auf den Karren und setzte mich auf den Stuhl. Zum ersten Mal verließ ich damals unseren Bauernhof, wenn man von dem Aufenthalt in Istanbul absieht, an den ich mich nicht erinnere, und von dem ich nur durch die Erzählungen meiner Mutter weiß.

 

Die Besuche auf dem Bauernhof wiederholten sich oft; ich sah dort beim Arbeiten zu, und manchmal pflückte ich selbst Haselnüsse von den Büschen. Auf dem Hof des Großvaters arbeiteten meist ungefähr dreißig Arbeiter, die mit der Nußernte beschäftigt waren.

Jährlich wurden zwischen zwanzig und dreißig Tonnen Nüsse geerntet, die von einem Händler, an den mein Großvater die Nüsse verkaufte, nach Rußland und nach Europa geliefert wurden.

 

Auf dem älteren und kleineren Bauernhof wurden Mais und Bohnen angepflanzt. Als ich noch klein war, hatten meine Großeltern vierzig Schafe und zehn Kühe auf dem Hof. Die Großmutter und meine Mutter machten aus der Milch von den Schafen und Kühen Käse, allerdings hatten wir die Schafe nicht sehr lange, nicht einmal ein Jahr, wegen einer Krankheit. Vor einigen Jahren, also 1986, wurde die letzte Kuh verkauft. Auf den Grundstücken, die mein Großvater besitzt, und die alle eigene Namen haben, werden neben Mais und Bohnen auch noch Tomaten und Wassermelonen, auch Honigmelonen und Kürbisse, Zwiebeln und Knoblauch angepflanzt. Heute verpachtet mein Großvater diese Grundstücke an andere Bauern und lebt selbst in einem kleinen Haus in der Stadt Namens Atabasri.

 

Eines Tages, ich war gerade acht Jahre alt, da wurden auf der Rückfahrt vom Bauernhof die Stiere wild, ich fiel aus dem Wagen und wurde vom Karren überfahren. Ein schweres Rad rollte mir über die Schulter, das geschah in der Nähe des Friedhofes. Meine Großmutter brachte mich zu einer Krankenschwester, die glücklicherweise feststellte, daß nichts gebrochen war. Sie gab mir eine Salbe, und die Verletzung heilte bald.

 

3. KAPITEL

 

Türkische Kultur

 

1.TEIL

 

 

Mein Großvater ist ein sehr religiöser Mensch, er hat mich alle religiösen Gebote gelehrt, z. B. daß es nie­mand Mächtigeren als Gott gibt, und daß man keinen Alkohol trinken und kein Schweinefleisch essen soll. Auch daß man keinen anderen Menschen quälen darf, und daß man fünfmal am Tag beten soll. Wenn man geistig oder körperlich behindert ist, dann gelten diese Gebote nur teilweise oder bedingt. Das Verbot des Schweinefleisches ist am wichtigsten. Mein Vater ant­wortete mir einmal auf meine Frage, warum man kein Schweinefleisch essen dürfe, das sei darum so, weil Schweine ihren eigenen Mist fressen. Weitere wichtige Gebote betreffen die Hygiene: Man muß sich nach dem Zusammensein mit einer Frau baden, auch schreibt die Religion vor, daß man sich die Achselhaare und Schamhaare rasiert, sowohl Männer als auch Frauen, und zwar jede dritte Woche. Sehr wichtig ist auch das Gebot, daß der Moslem einmal im Leben nach Mekka pil­gern soll.

 

Einmal im Jahr, und zwar immer um drei Monate verscho­ben, muß ein Fastenmonat gehalten werden. Während die­ser Zeit darf man zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang nichts essen und trinken, auch Geschlechtsverkehr ist dann untertags verboten. Am Ende des Fastenmonats findet ein Fest statt, drei Monate später gibt es ein anderes großes Fest, an dem man eine Kuh opfert und den armen Leuten Geld schenkt.

 

Dieses Fest, das man mit dem christlichen Weihnachtsfest vergleichen könnte, geht auf eine Geschichte im Koran zurück, die von einem Propheten mit dem Namen Ibrahim erzählt, der sich sehr einen Sohn wünschte, aber lange keinen bekam. Schließlich ver­sprach er Gott, daß er, falls ihm doch ein Sohn geschenkt würde, diesen im Alter von acht Jahren, zum Opfer darbringen würde. Er bekam einen Sohn mit dem Namen Ismail, doch er vergaß sein Versprechen. Als der Sohn acht Jahre alt wurde und dem Versprechen gemäß geopfert werden sollte, erinnerte sich Ibrahim nicht mehr, doch er träumte dreimal hintereinander den glei­chen Traum: darin schlachtete er eine Kuh und brachte sie zum Opfer dar. Nach dem dritten Traum hörte Ibrahim die Stimme Gottes, der ihn fragte: "Hast du dein Versprechen vergessen?" Ibrahim ging darauf zu seiner Frau, ließ seinen Sohn waschen und ging mit ihm auf einen Berg.

 

Nachdem er gegangen war, besuchte Satan die Frau und erzählte ihr von den Absicht Ibrahims, den Sohn zu tö­ten, doch sie glaubte ihm nicht, wurde zornig, warf mit Steinen auf den Teufel und traf ihn am Auge, deshalb nennt man im Islam den Teufel blind.

 

Ibrahim wollte, auf dem Berg angekommen, seinen Sohn Ismail wirklich opfern. Der sagte zu ihm: "Vater, ich weiß, daß Du mich töten willst. Verbinde meine Augen, damit Du meine Tränen nicht siehst." Das tat der Vater, zog darauf sein Messer aus der Tasche und stach zu. Doch Ismail blieb unverletzt. Da warf Ibrahim das Messer auf den Boden, wodurch ein Stein zerbrach. Dann versuchte es Ibrahim noch einmal, und es gelang wieder nicht. Darauf hörte der Vater die Stimme Gottes noch einmal. Gott sagte, Ibrahim habe bewiesen, daß er ge­horsam sei, und das genüge. Er solle anstelle seines Sohnes einen Bock opfern. Wenn man wohlhabend ist, muß man zu diesem Fest eine Kuh schlachten und opfern, die Kosten werden dann unter der Familie geteilt.

 

Die allerwichtigsten Gebote, die mein Großvater mich gelehrt hat, sind die gleichen wie bei den Christen, ich meine: Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst!

 

Mein Großvater hat mir das Schreiben und Lesen nicht beigebracht, weil er selbst nicht türkisch schreiben und lesen kann. Er kann nur die Sprache des Koran, also arabisch (mein Vater versteht es auch, kann sich allerdings nicht mit einem Araber verständigen). Mein Großvater brachte mir die Sprache des Koran nicht bei, weil ich die notwendigen Waschungen, die vor dem Lesen des Heiligen Buches unternommen werden müssen, aufgrund meiner Krankheit nicht vornehmen kann.

 

Türkische Kultur

 

2. TEIL

 

 

Es gibt in der Türkei ca. 150 verschiedene Volksgruppen. Meine Großeltern stammen aus einer Volksgruppe, deren Name Karadenizli ist. Das heißt auf deutsch Schwarzes Meer. Diese Volksgruppe heißt deshalb so, weil sie am Rande des herrlichen Schwarzen Meeres lebt.

In der Türkei gibt es viele Bräuche. Einer davon be­trifft die Ehe: Die Frau soll vor der Hochzeit kein Sexualleben führen. Sollte sie aber schon einmal sexu­ellen Kontakt gehabt haben, hat der Ehemann das Recht, sie zurückzugeben. Wenn das aber während der Ehe pas­siert, wurde früher von den Großeltern verlangt, daß der Ehemann seine Frau umbringt. Denn erst, wenn sie nicht mehr lebt, ist seine Ehre gerettet. Natürlich ist es heute nicht mehr so, denn als 1930 die Türkei eine Republik wurde, erließ der damalige Regierungschef Atatürk ein Gesetz, das Mord schwer bestrafte. Es wurde dafür dem Mann das Recht gegeben, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, falls so ein Fall vorkommt.

 

Alte Leute glauben nicht so sehr an die Medizin, son­dern sie vertrauen eher auf religiöse Bräuche.

 

Ende Juni 1992 lebte ich in Batschuns. Da bekam ich einen Anruf von meiner Mutter. Sie sagte mir, ich solle nach Hause kommen, denn mein Vater habe einen Muezzin gefunden, der mich heilen wolle. Am Samstagmorgen wurde ich dann mit meinem elektrischen Rollstuhl in einem Bus heimgefahren. Der Muezzin sagte, daß ich einundvierzig Tage zu Hause bleiben müsse, um geheilt zu werden. Ich glaubte aber nicht daran, daß er mich heilen könnte. Doch meine Eltern waren fest davon überzeugt. Ich dagegen hätte etwas Besseres zu tun gehabt, als daheim herumzusitzen. Ich sagte zu meiner Mutter: "Er kann mich nicht heilen. Darum möchte ich nach Batschuns zurück". Da sie mich nicht zurückschickten, sagte ich zu meiner Mutter, sie solle mich im elektrischen Rollstuhl nach draußen setzen. Und sie tat es. Und dann dachte ich mir, warum soll ein behinderter Mensch nicht das tun, was ihm paßt?

Und dann fuhr ich los. Unterwegs verlor ich einen Schuh, und ich fragte ein paar Kinder, ob sie ihn mir anziehen könnten. Doch sie verstanden mich anscheinend nicht und gingen einfach weiter. Da ließ ich den Schuh liegen und fuhr weiter, von Klaus nach Batschuns. Dafür brauchte ich circa 3 1/2 Stunden. Als ich in Batschuns beim letzten steilen Stück angekommen war, war die Batterie schon so schwach, daß ich kaum mehr ohne Hilfe weiterkam. Gott sei Dank kam eine Betreuerin mit dem Fahrrad vorbei und schob mich das letzte Stück. Schließlich kam ich in der Wohngruppe an.

Da riefen meine Eltern an und fragten, ob ich in Batschuns sei. Zufällig hatte der Hausleiter Dienst. Der Hausleiter hieß Ludwig. Er sagte mir, daß ich so­fort meine Eltern anrufen solle, daß ich aber nicht nach Hause zurück müsse, wenn ich nicht wolle. Da rief ich sie an, und auf einmal kam mein Bruder.

 

Ich solle sofort nach Hause kommen, meinte er. Da log ich ihn an, daß ich am nächsten Morgen kommen würde. Als mein Bruder weggegangen war, ein paar Stunden später, riefen meine Eltern an und sagten mir, daß es vorläufig hinfällig sei. Nach dem Urlaub sollte ich 41 Tage nach Hause kommen. Aber ich sprach vor dem Urlaub mit dem Hausleiter darüber, daß ich nach dem Salzburg-Aufenthalt nicht nach Hause gehen möchte, sondern gleich nach Hörbranz. Und mein Hausleiter redete mit der jetzigen Hausleiterin von Hörbranz, und die sagte gleich "okay". Ich könne sofort einziehen. Nach dem Urlaub bekam ich von meiner Mutter noch einen Anruf, daß ich nach Hause kommen solle. Ich sagte zu ihr, daß ich über das Wochenende nach Hause kommen würde. Stattdessen zog ich nach Hörbranz. Am nächsten Tag ging ich mit einem Betreuer im Dorf spazieren, und plötzlich stand meine Mutter vor mir. Die hatte das neue Wohnheim gesucht und mich dabei gesehen. Und ich fuhr sofort in die Wohngruppe, denn ich wollte nicht mitfahren. Sie drohten mir, daß sie nicht für die Lebenshilfe zahlen würden, wenn ich nicht das tue, was sie von mir ver­langten, nämlich: 41 Tage daheim bleiben. Da sagte ich, ich ginge nach Hause, aber nur unter folgender Bedingung: Falls sie innerhalb von sieben Tagen keinen Unterschied sähen, sollten sie mich wieder in die Wohngruppe schicken. Dann sagte ich Andrea, daß sie mich jeden zweiten Tag anrufen solle, und dann fuhr ich mit meinen Eltern nach Hause.

Als ich dem Muezzin erzählte, wie ich mit dem elektri­schen Rollstuhl nach Batschuns gefahren war, sagte er, daß er mir das nicht glaube, weil es viel zu steil sei. Er sagte: "Das glaubst Du doch selber nicht. Dir haben bestimmt die Dämonen geholfen. Doch das willst Du uns nicht sagen." Innerhalb von fünf Tagen gab der Muezzin aber auf. Mein Vater war sehr enttäuscht, und ich fragte: "Was ist mit dem Muezzin?" Mein Vater sagte, der sei schon in die Türkei geflogen. So ging ich wie­der nach Hörbranz.

 

 

4. KAPITEL

 

 

Keine gleichaltrigen Freunde.

 

 

Solange ich in der Türkei lebte, also bis zu meinem 11. Lebensjahr, hatte ich keine gleichaltrigen Freunde. Nur meinen Bruder, der ein Jahr jünger ist als ich, hatte ich als Spielgefährten. Wir vertrugen uns meistens gut,

manchmal aber kam es zu Prügeleien, bei denen ich immer der Stärkere war; einmal schlug ich ihm sogar die Nase blu­tig, natürlich ohne Absicht. Unsere Raufereien waren natürlich nicht ernst, sondern wir prügelten uns immer im Spaß. Heute ist mein Bruder selbstverständlich viel stärker als ich. Natürlich gab es im Dorf Gleichaltrige, aber es gab keinen Kontakt. Einige hat­ten Angst, wegen meinen zuckenden Bewegungen, andere waren wiederum mit meiner Familie nicht bekannt. In der Nähe von unserem Bauernhof wohnte ein Mädchen - ihr Nahme war Meryem -, das genauso alt war wie ich. Ab und zu kam sie zu uns, aber nicht zu mir, sondern wegen meinem Bruder. Aber ich durfte den beiden zusehen, wie sie spielten. Manchmal, z. B. wenn sie Vater und Mutter spielten, durfte ich auch mitmachen, entweder als Kind oder als Großvater. Das Mädchen hatte bald überhaupt keine Angst mehr vor mir. Sie war leider die einzige, die auf Besuch kam. Als sie sechs Jahre alt wurde, ging sie mit meinem Bruder in die Schule, und ich war wieder allein zu Hause.

 

Meine Eltern trösteten mich und sagten: "Du wirst auch eines Tages laufen und in die Schule gehen können." Bis zu meinem 15. Lebensjahr glaubte ich daher an ein Wunder, das Gott tun würde. Heute glaube ich zwar noch an Gott, aber nicht mehr an Wunder.

 

Meine Eltern und Großeltern behaupteten immer, daß ich eines Tages würde laufen können. Der Großvater sagte, ich müsse viel beten, und er sprach auch selbst sehr viele Gebete mit mir. Man brachte mich auch zu sehr ge­achteten islamischen Priestern, sogenannten Muezzins. Jeder von diesen Priestern sagte, er würde mich heilen. Aber es hat natürlich nichts genützt. An einen kann ich mich besonders gut erinnern. Ich war etwa zehn oder elf Jahre alt, als wir ihn in Burza besuchten. Wir mußten dorthin einen ganzen Tag mit dem Bus fahren, weil diese Stadt weit weg lag, für kürzere Strecken benutzten wir den Ochsenkarren. Dieser Muezzin, den wir dort besuch­ten, schrieb dreißig Gebete in arabischer Schrift auf und legte sie mir an einem Band um den Hals. Er sagte zu meinen Eltern: "Das Kind wird ein Stück gehen kön­nen, aber nur ein Stück, in fünfundzwanzig Tagen." Ich freute mich sehr, aber nach fünfundzwanzig Tagen mußten meine Eltern und ich feststellen, daß ich immer noch nicht gehen konnte. Sie hörten darum auf, jedem Muezzin nachzulaufen.

 

Als ich meine Großmutter fragte, wieviele Muezzins ich schon besucht hätte, sagte sie: fünfundzwanzig. Das hatte natürlich viel Geld gekostet, denn die Muezzins mußten bezahlt werden, oder man mußte ihnen andere Geschenke machen, hauptsächlich Nahrungsmittel. Meine Eltern hatten meistens mit Geld bezahlt. Sie glaubten dann später nicht mehr so recht an die Macht der Muezzins, blieben aber sehr religiös, und meine Mutter hofft immer noch auf ein Wunder.

 

 

 

Ich selbst hoffe nicht mehr, daß ich werde gehen kön­nen, ich habe andere Hoffnungen, die wichtigste davon ist die, einmal in einem Beruf arbeiten zu können.

 

Nach dem erwähnten Besuch bei dem Arzt in Istanbul kehrte mein Vater wieder nach Vorarlberg zurück. Ich selbst lebte wieder mit meiner Mutter auf dem Bauernhof meiner Großeltern. Zwei oder drei Wochen später kam von meinem Vater ein Brief für meine Mutter; er schrieb, sie solle nach Vorarlberg zu ihm kommen, wir Kinder sollen bei den Großeltern bleiben. Bald darauf fuhr meine Mutter, und mein Bruder und ich blieben einein­halb Jahre allein bei den Großeltern.

 

Während dieser Zeit ging mein Bruder zur Schule, und ich war ganz allein. Meistens ging ich mit meinen Großeltern auf die Felder und sah bei der Arbeit zu. Eines Tages kam ein Brief von meinen Eltern, und darin stand zu lesen, daß die Mutter ein Kind bekommen würde. Mein Vater schickte die Mutter nach Istanbul zu seiner Schwester, und dort bekam sie - natürlich in einem Krankenhaus - eine Tochter, die den Namen Ayse bekam. Mein Bruder und ich waren noch zu Hause auf dem Bauernhof zur Welt gekommen.

 

Einige Tage nach der Geburt kam die Mutter mit meiner Schwester auf den Bauernhof zu uns. Da eröffnete ihr die Großmutter, daß sie mich nicht länger pflegen und beaufsichtigen könne. Meine Mutter schrieb meinem Vater davon, er antwortete, daß die Mutter noch ein Jahr ar­beiten solle in Vorarlberg. Damit war die Großmutter einverstanden. Eine Schwester meines Vaters nahm meine kleine Schwester zu sich, weil meine Großeltern nicht zwei Kinder pflegen konnten.

 

Dann erhielt ich von der Tante, die zuerst geheiratet hatte, einen Brief. Sie schrieb, daß ihre zwei Söhne, also meine Cousins, auf Besuch kommen würden. Drei Tage später kamen die beiden schon an. Der eine war sieben und der andere fünf Jahre alt, ich war damals neun. Sie waren sehr lieb und hatten gar keine Angst vor mir, wie die anderen Kinder im Dorf, vermutlich hatte meine Tante mit ihnen über mich gesprochen und sie vorberei­tet. Sie brachten Spielzeug aus Istanbul mit, bunte Autos, Pistolen usw., ich weiß es nicht mehr genau. Ich freute mich sehr, daß ich endlich nicht mehr alleine war, aber sie waren leider nur sehr kurz zu Besuch. Sie versprachen mir, daß sie jedes Jahr kommen würden, und daß auch ich sie besuchen dürfe. Sie blieben nur zwei Wochen, weil der ältere zur Schule gehen mußte.

 

Ungefähr zwei, drei Monate später kam ein Brief von meinem Vater, er schrieb, daß die Mutter gekündigt hätte und zurück in die Türkei kommen würde. Eine Woche später kam meine Mutter. Sie war damals erstmals mit dem Flugzeug geflogen, von Zürich nach Istanbul. Sie kam nicht direkt auf den Bauernhof zu uns, sondern ging zuerst zu meiner Tante, bei der Ayse lebte. Sie kam zu­sammen mit der Familie meiner Tante auf den Bauernhof, auch der fünfjährige Sohn kam mit. Er hatte anfangs ein bißchen Angst vor mir, wegen meiner Bewegungen, aber er gewöhnte sich sehr schnell daran.

 

Sein Vater hatte ein Auto, und eines Tages lud er mich ins Auto ein. Mein Stuhl wurde im Kofferraum verstaut. Dann fuhren wir mit meiner Mutter und der Tante in die Stadt, um etwas zu trinken. Außer den Besuchen bei den Muezzins und einem Einkauf mit dem Großvater war das der erste Besuch in dem etwa zwei Autostunden entfernt gelegenen Krasu. Weil ich keinen Rollstuhl hatte, konnte ich nicht in der Stadt herumspazieren. Dennoch war es wunderschön, ich war zum ersten Mal in meinen Leben in einem Kaffeehaus. Meine Tante und meine Mutter durften nicht mit, denn damals war das so Brauch - ei­gentlich dumm. Inzwischen machten sie einen Einkaufsbummel und kauften auch für ein Picknick ein. Wir fuhren zu einem Fußballplatz außerhalb der Stadt, dort aßen wir, und mein Cousin spielte mit seinem Vater Fußball. Ich war der Tormann. Obwohl ich nicht sehr gut halten konnte, war es sehr lustig, vielleicht gerade deshalb, weil ich nicht aufstehen konnte.

 

Es gibt sehr viele komische Situationen, die Spastiker erleben. Weil ich damals ja noch keinen Rollstuhl hatte, mußten meine Mutter oder meine Tante mich mit meinem Stuhl immer wieder vor der Sonne retten und in den Schatten stellen. Man muß nämlich wissen, daß es damals in der Türkei nur ganz wenige Rollstühle gab, nur die ganz Reichen konnten sich einen leisten, aber heute ist es auch nicht sehr viel besser. Weil es so wenige Behinderte mit Rollstühlen gibt, sind fast alle gezwungen, zu Hause in der Familie zu leben. Man sieht deshalb selten jemanden auf der Straße, und es ist fast unmöglich, zu anderen Behinderten Kontakt aufzunehmen.

 

 

 

5. KAPITEL

 

 

Erst in Vorarlberg ...

 

 

Erst in Vorarlberg lernte ich andere Behinderte kennen, vorher hatte ich wirklich geglaubt, daß ich der einzige Behinderte sei. Und das, obwohl es in der Türkei sicher viele gibt, die in einer ähnlichen Situation sind wie ich. Ich hoffe, daß dieses Elend bald besser wird; sollte ich beim Lotto einmal viel Geld gewinnen, dann werde ich versuchen, in der Türkei eine Schule für Behinderte aufzubauen. Denn solche Schulen gibt es na­türlich kaum.

 

 

 

 

Überhaupt sind Kranke und Behinderte in der Türkei viel gefährdeter als hier in Österreich; meine Tante brachte z. B. ein Mädchen auf die Welt, als ich ein Jahr alt war. Sie hatte ein "offenes Kreuz". Sie wurde leider nur zehn Tage alt wegen der nicht ausreichenden medizinischen Versorgung. Meine Mutter hat mir erzählt, daß sie sehr schöne grüne Augen gehabt haben soll. Mich berührt das auch deshalb, weil meine Freundin, die hier in Vorarlberg geboren wurde, an derselben Krankheit leidet. Dadurch habe ich gesehen, daß man auch solch schwere Krankheiten überleben kann, und es tut mir sehr leid, daß meine kleine Cousine keine Chance hatte. Ich bin allerdings froh, daß sie so schnell gestorben ist und nicht lange leiden mußte.

 

Als ich zum ersten Mal nach Vorarlberg kam, war ich acht oder neun Jahre alt. Meine Mutter, meine kleine Schwester und ich fuhren mit dem Autobus nach Istanbul  und flogen von dort mit dem Flugzeug nach Zürich. Während des Fluges wurde mir furchtbar schwindlig, und doch war es sehr schön. In Zürich holte uns der Vater ab und brachte uns nach Vorarlberg. Am nächsten Tag sah ich zum ersten Mal Schnee, der noch auf den Dächern lag. Mein Vater behauptete, daß der Schnee immer so auf den Dächern läge und nie weg ginge. Meine Mutter bekam ein bißchen später von Freundinnen einen Kinderwagen; da setzten sie mich dann hinein und fuhren herum, die Leute schauten vielleicht komisch.

 

Meine Mutter hatte mir schon vorher erzählt, daß die Österreicher eine Sprache sprechen, die sich sehr ei­genartig anhört. Als ich selbst dann zum ersten Mal die Leute deutsch sprechen hörte, mußte ich oft lachen, so komisch klangen die Wörter. Nach drei Wochen brachte mich mein Vater zu einem Doktor, und ein Nachbarsjunge, der ungefähr drei Jahre älter war als ich, kam mit, weil er besser Deutsch konnte als mein Vater. Der Arzt sagte zu meinem Vater, ich müsse vier Wochen ins Krankenhaus zur Untersuchung. Mein Vater war einver­standen, und nach drei Tagen kam ich ins Spital.

 

Die erste Nacht war furchtbar, ich wollte unbedingt nach Hause, aber niemand verstand mich; ich weinte sehr, aber die Schwestern schauten nur und streichelten mich und versuchten, mich zu trösten. Am nächsten Tag nahm man mir zum ersten Mal Blut ab, und da hatte ich furchtbare Angst; der Doktor verstand ein bißchen Türkisch. Einmal hatte ich ganz starken Durst, aber niemand verstand mich, wenn ich nach Wasser verlangte, im ganzen Krankenhaus war niemand, der Türkisch konnte.

 

Nach zwei Wochen brachte man mich in das Landesnervenkrankenhaus Valduna, um meinen Kopf zu un­tersuchen. Während der Fahrt glaubte ich, man würde mich jetzt nach Hause bringen. Im Wagen freute ich mich sehr und war natürlich furchtbar enttäuscht, als ich in ein anderes Krankenhaus gebracht wurde. Sie schlossen meinen Kopf an eine Maschine an, klebten Metallnadeln auf die Kopfhaut. In dem Krankenhaus war eine türkische Frau, die zufälligerweise meine Eltern kannte, diese holte man als Dolmetsch. Sie sagte mir auch, daß ich keine Angst zu haben brauche.

 

Nach einem Tag brachten sie mich wieder zurück in das andere Krankenhaus. Dort banden sie mir dann einmal die Füße an die Stäbe des Gitterbettes an, in dem ich lag. Das bereitete mir sehr große Schmerzen und ich band die Füße bald wieder los. Die Schwestern banden mir die Füße dann wieder an; sie wollten sehen, ob ich das aus­halte, denn normalerweise sind meine Füße ganz eng an­einandergedrückt. Insgesamt band ich mich in dieser Nacht zehnmal los, dann versuchten sie es nicht mehr, denn sie merkten auch, daß es mir sehr starke Schmerzen verursachte.

 

Neben mir lag ein etwa zehnjähriger Junge, der keine Haare mehr am Kopf hatte; mein Vater, dem ich diesen Jungen zeigte, erklärte mir, daß es noch andere, viel schlimmere Krankheiten gibt. Ich glaubte damals wie ge­sagt, daß ich der einzige mit einer Krankheit sei.

 

Nach vier Wochen kam ich wieder nach Hause. Zu Hause hatten meine Eltern wegen Vaters neuer Freundin Streit, und nach acht Monaten schickte mein Vater uns wieder zurück; weil es mir in Vorarlberg sehr gut gefallen hatte, begann ich vor der Abreise zu weinen, aber es hörte niemand auf mich. In Vorarlberg war das Leben für mich schöner, weil ich mit einem Nachbarsjungen Freundschaft geschlossen hatte, also erstmals Kontakt zu einem Freund hatte, und weil mein Vater manchmal mit mir in seinem Auto, einen weißen BMW, herumgefahren war.

 

Mein Vater hätte uns wahrscheinlich nicht in die Türkei zurückgeschickt, wenn die Großmutter nicht immer in Briefen geschrieben hätte, daß ihr die Kinder fehlten, und daß wir zurück in die Türkei kommen sollten. Beim Abschied am Flughafen in Zürich war ich so traurig, daß mich nicht einmal die Comic-Hefte, die mir geschenkt wurden, trösten konnten.

 

 

 

6. KAPITEL

 

 

Nachdem ich in der Türkei angekommen war

 

 

Nachdem wir in der Türkei angekommen waren, bekam meine Mutter, die eigentlich gleich wieder zurück nach Vorarlberg wollte, vom Vater einen Brief, in dem es hieß, sie solle in der Türkei bleiben, und er selbst gehe nach Saudi Arabien. Das war natürlich ein Witz. Aber meine Mutter war so verärgert, daß sie an ihre Eltern schrieb und darum bat, abgeholt zu werden. Nach einigen Tagen kam ihr Bruder und holte sie - aber nur meine kleine Schwester wurde mitgenommen. Ich blieb auf dem Bauernhof bei meinen Großeltern für eineinhalb Jahre.

 

In diesem Jahr machte ich nichts Besonderes. Ich ver­suchte, einen Obstgarten anzulegen, ich grub selbst den Boden um mit einem Schraubenzieher und setzte dann den Samen. Doch mein kleiner Bruder holte immer wieder alle Samenkörner aus dem Boden heraus und lief damit davon. Außer dem Wasserholen machte ich alles allein. Aber als nach einiger Zeit mein Bruder nicht aufhörte, die Samenkörner zu stehlen, obwohl der Großvater ihn sogar deswegen geschlagen hatte, gab ich auf.

 

Eines Tages kam eine Frau aus dem Dorf; sie hatte eine Tochter, die war ungefähr in meinem Alter. Anfangs hatte sie natürlich Angst vor mir, weil ich nicht gut sprechen konnte und wegen spastischen Bewegungen. Aber mein Großvater sagte zu ihr, sie müsse keine Angst vor mir haben - und dann hörte sie mir gut zu - ich ihr natürlich auch. Wir verstanden uns sehr gut, und so sagte die Mutter von ihr einmal, wenn ich wieder laufen könne, dann sollten wir heiraten. Wahrscheinlich machte sie nur einen Witz.

 

Einmal besuchten wir in dieser Zeit auch meine Tante in Istanbul; leider konnte ich damals von der Stadt nichts sehen, weil ich ja noch keinen Rollstuhl hatte. Ich war immer nur in der Wohnung meiner Tante und spielte mit den beiden Cousins. Dem kleineren von beiden verpaßte ich einen Kinnhaken, natürlich unabsichtlich. Darauf sagte mein Bruder: "Wenn Du das bei mir machst, schlage ich zurück." Die Erwachsenen lachten und versuchten, ihm zu erklären, daß ich nicht absichtlich zuschlage. Aber mein Bruder versteht das bis heute nicht, daß ich meine Muskeln nicht richtig beherrsche.

 

Einige Monate später kam mein Vater nach Hause in die Türkei. Er kam mit seinem Auto, einem nagelneuen Ford, angefahren. Ich wollte natürlich das Auto gleich anse­hen und mich hineinsetzen. Mein Vater setzte mich auf den Beifahrersitz, ging dann ins Haus und kam eine Stunde lang nicht. Inzwischen mußte ich aufs Klo. Aber es kam niemand, und so machte ich ins Auto. Der Vater war böse mit mir, aber die Großmutter sagte zu ihm: "Es geschieht Dir recht."

 

Ein paar Tage später holte mein Vater meine Mutter wie­der zu sich. Zuerst wollte ihr Vater sie nicht mehr hergeben, dann fragte mein Vater aber zornig, was denn aus den Kindern werden sollte. Schließlich ging sie doch wieder mit ihm mit. Die Großeltern sagten zum Vater, als er uns wieder in der Türkei lassen wollte, er sollte die Kinder jetzt auch nach Vorarlberg mitneh­men. Sie könnten bzw. wollten nicht mehr länger für uns sorgen. Damals 1977, fuhren wir das erstemal mit dem Auto nach Österreich. Mein Vater schaffte es in vierundzwanzig Stunden.

 

 

 

7. KAPITEL

 

 

Wieder in Österreich

 

 

Ich war sehr froh, daß meine Großeltern das gesagt hat­ten. Denn ich hatte damals nicht mehr gerne bei den Großeltern gelebt. Sie konnten mich nicht mehr gut be­treuen, ich war zu groß geworden, und sie waren auch schon zu alt. Und die Lebensverhältnisse waren in Vorarlberg viel besser. Auf dem Bauernhof meiner Großeltern gab es noch keine Wassertoilette. Früher hatte ich meinen Stuhl auf dem Boden verrichtet. Dann hatte mein Großvater einen Stuhl mit einem Loch geba­stelt, weil ich damals ganz mager gewesen war und eigentlich auf den bloßen Knochen gesessen hatte, hatte mir das Sitzen auf diesem Holzstuhl große Schmerzen bereitet. Außerdem war, wie schon gesagt, die Ein-samkeit auf dem Bauernhof für mich unerträglich geworden.

 

Nach etwa einem Jahr brachte meine Mutter meine zweite kleine Schwester auf die Welt, und drei Monate später kam die Großmutter, die Mutter meines Vater, auf Besuch. Es gefiel ihr gut in Vorarlberg. Nur fand sie es schade, daß es keine Moschee hier gab und kein Muezzin-Geschrei, das ungefähr dieselbe Funktion er­füllt wie die Kirchenglocken. Der Muezzin ruft die Gläubigen fünfmal am Tag: "Im Namen Gottes und seines Propheten Mohammed rufe ich euch zum Gebet!" Damals hatte ich immer noch keinen Rollstuhl, und ich konnte nicht wie die Großmutter herumspazieren. Darum fand ich es komisch, daß ihr ausgerechnet die Straßen besonders gut gefielen. Ich fragte sie, warum, und sie antwor­tete: weil die Straßen sauber seien.

 

Meine Großmutter überredete dann auch meinen Vater, für mich einen Fernseher zu kaufen, und mein Vater kaufte damals den ersten Farbfernseher in unserem Bekanntenkreis. Natürlich kamen darauf alle zu uns auf Besuch, um fernzusehen. Da lernte ich das erste Mal ein paar Freunde kennen, mit denen ich spielen und reden konnte und Witze erzählen.

 

Ich wurde damals auch noch einmal untersucht wegen mei­ner Krankheit. Weil die Ärzte bei meiner kleinen Schwester ganz sicher gehen wollten. Ich kam damals zu Dr. Kramer. Er schlug vor, mir einen Rollstuhl zu be­stellen. Und wir fuhren ins Schulheim Mäder und pro­bierten einen Rollstuhl für mich aus. Damals saß ich zum ersten Mal in einem Rollstuhl. Dr. Kramer schlug auch vor, daß ich die Schule besuchen sollte. Aber mein Vater war dagegen und sagte: "Wozu soll er in die Schule gehen?"

 

Wenn ich damals besser Deutsch verstanden hätte, daß die Möglichkeit für mich bestand, die Schule zu besu­chen, dann hätte ich alles versucht, in die Schule zu kommen. Aber so konnte ich den Sinn des Gespräches lei­der nicht verstehen. Immerhin wurde ein Rollstuhl für mich bestellt, und nach einigen Monaten rief die Gebietskrankenkasse bei meinem Vater an und sagte, er könne den Rollstuhl für mich abholen. Ich werfe das meinem Vater immer noch vor, daß er mich nicht in die Schule hat gehen lassen. Denn so kam es, daß ich später nur drei Jahre lang die Schule besuchen durfte. Und das war sehr schlecht für mich.

 

Als ich zum erstenmal ohne Aufsicht in meinem neuen Rollstuhl saß, es war gleich am ersten Tag - meine Eltern waren einkaufen gegangen - da öffnete ich unab­sichtlich bei der Erforschung des Rollstuhles das Luftventil, und der Reifen verlor, ohne daß ich es merkte, Luft. Als die Eltern wieder kamen und das sa­hen, sagten sie: "Alles machst Du kaputt. Am besten wir geben den Rollstuhl wieder zurück!" Natürlich meinten sie das nicht ernst. Aber ich erschrak furchtbar, denn einen Augenblick lang hatte ich ihnen geglaubt.

 

Vor dem Fernseher lernte ich Wort für Wort Deutsch. Ich sprach Sätze und Wörter nach, ohne sie zu verstehen, und fragte dann meinen Nachbarn nach dem Sinn, und er erklärte es mir dann. Ich sah mir alle Zeichentrickfilme an, weil man ihre Sprache leichter versteht. Es fiel mir nicht schwer, deutsche Wörter nachzusprechen. Nur wenige Wörter waren zu kompliziert. Auch mein Papa erklärte mir anfangs die Wörter.

 

Aber heute ist es genau umgekehrt. Wenn bei einer Nachrichtensendung zu schnell für ihn gesprochen wird, dann fragt er mich, was sie gemeint haben. Obwohl er seit acht Jahren eine österreichische Freundin hat, kann er immer noch nicht gut deutsch sprechen und ver­steht nicht alles. Weil ich oft ganz allein zu Hause blieb, denn meine Mutter konnte mich nicht im Rollstuhl schieben, solange meine Schwester nicht laufen konnte, saß ich Tag und Nacht vor der Glotze. Wenn niemand da war und ich aufs Klo mußte, dann krabbelte ich in den Gang hinaus, da lag kein Teppich - und machte auf den Kunststoffboden.

 

Früher konnte ich die Türen in der Wohnung nicht al­leine aufmachen, doch nach vielem Suchen und Probieren gelang es mir, die Türe mit einem Schürhaken aufzuma­chen. Einmal fiel mir dabei der Schürhaken aus der Hand und traf mich am Kopf. Ich blutete sehr stark. Um die Blutung zu stillen kroch ich in die Küche und streute mir Zucker auf die Wunde - ich mußte sehr viel nehmen, damit es nützte. Auf die Idee mit dem Zucker kam ich, weil ich auf dem Bauernhof in der Türkei einmal beob­achtet hatte, wie mein Großvater eine blutende Wunde bei meinem Bruder, der sich in die Lippen geschnitten hatte, mit Staubzucker bestreut hatte. Mein Bruder hatte es überlebt - ich auch. Als Mutter nach Hause kam, fragte sie mich, ob ein Räuber dagewesen sei, und ob ich ihn totgeschlagen hätte. Ich erklärte ihr die Situation, und seither ist der Schürhaken mit Schaumgummi umwickelt. Aber es gab noch andere gefähr­liche Situationen. Einmal schlug mich meine kleine Schwester mit ihrer Gipshand, als ich sie streicheln wollte. Ich bekam eine große Beule. Heute tut ihr das leid, denn sie mag mich sehr gern.

 

 

 

8. KAPITEL

 

 

Meine erste Freundin

 

 

Oft saß ich vor der Türe im Rollstuhl und beobachtete, was auf der Straße vor sich ging. Da fiel mir ein hübsches Mädchen auf, das öfters an unserem Haus vorbei ging. Ich bemerkte, daß mein Bruder sie kannte, sie war eine Schulkameradin von ihm, aber er kannte sie nicht gut, viel mehr als ihren Namen wußte er nicht. Sie hieß Erika.

 

Als sie wieder einmal an unserem Haus vorbeiging, rief ich: "Erika!" Sie fragte mich, woher ich ihren Namen kenne. Nachdem ich es ihr erklärt hatte und wir ein bißchen geplaudert hatten, sagte sie, sie würde am nächsten Tag wiederkommen und mit mir spazieren gehen. Ich freute mich natürlich sehr; damals konnte ich noch nicht sehr gut Deutsch, aber Erika brachte mir auf den vielen gemeinsamen Spaziergängen viele Worte bei. Sie konnte mir die Begriffe sehr gut erklären.

 

Wir gingen einen Sommer lang fast jeden Tag zusammen spazieren, oft brachte sie noch eine Freundin mit. Mein Bruder wunderte sich sehr, daß mich zwei hübsche öster­reichische Mädchen so oft abholten; er sagte: "Was fin­den sie an ihm?" Und er kaufte sich ein Wörterbuch, um besser deutsch sprechen zu lernen, und um mehr verste­hen zu können.

 

Weil meine Mutter wegen meiner kleinen Schwester nicht oft mit mir ausgegangen war, sah ich auf diesen Spaziergängen vieles zum ersten Mal! Wir besuchten die Schule von Erika, zum ersten Mal führte sie mich in eine Kirche, in Weiler. Oft gingen wir auf einen Fußballplatz und sahen zu.

 

Einmal gab sie mir einen Kuß, weil die Mannschaft, für die ich die Daumen gedrückt hatte, gewonnen hatte, und dann zu Hause vor der Haustür gab sie mir noch einen. Meine Mutter freute sich und lachte.

 

Leider ließen sich nach diesem schönen Sommer Erikas Eltern scheiden, und sie zog mit ihrer Mutter weg; ich habe sie nicht wieder gesehen, nur einmal sah ich sie noch ganz kurz, etwa ein oder zwei Jahre später. Da er­zählte sie mir, daß sie bald heiraten würde.

 

 

 

9. KAPITEL

 

 

Wie ich in die Schule kam

 

 

Da ich sehr oft bei schönem Wetter, beziehungsweise wenn es nicht regnete, vor der Haustüre auf der Straße saß, fiel mir eine 26- oder 27-jährige Frau auf, die manchmal vorüberging. Eines Tages sprach sie mich plötzlich an und fragte, warum ich nicht zur Schule ginge? Ich antwortete, daß ich doch nicht in die Schule gehen könne wegen meiner Krankheit. Darauf sagte sie, daß es auch für Behinderte Schulen gäbe. Das wüßte ich nicht, antwortete ich. Sie versprach mir, sich zu er­kundigen und einen Arzt zu fragen, ob ich die Schule besuchen könne. Am nächsten Tag, als sie vorbeikam, sagte sie mir, daß ich morgen einen Termin beim Arzt hätte, um zwei Uhr. Sie fragte mich auch, ob ich nicht Lust hätte, mit ihr und ihrer Tochter und ihrem Mann einen Spaziergang zu machen - natürlich hatte ich Lust; hinterher war ich noch bei dieser sehr netten Familie etwas trinken.

Sie sahen, daß mein Rollstuhl, den ich schon gebraucht bekommen hatte, abgenützt und zerschlissen war, und daß ich keinen richtigen Gurt mehr hatte, sondern nur eine Gummischnur, die mich festhielt. Sie glaubten, daß mir das Schmerzen bereiten würde, aber ich erklärte ihnen, daß diese Gummischnur, die meine Mutter provisorisch am Rollstuhl angebracht hatte, mir nicht weh tat, sonst hätte ich das schon lange gesagt. Diese Frau kümmerte sich um mich, weil sie selber einmal im Schulheim Mäder gearbeitet hatte.

 

Am nächsten Tag holte sie mich zusammen mit meiner Mutter ab, und gemeinsam fuhren wir in ihrem Auto nach Feldkirch und besuchten den Amtsarzt. Der Arzt sagte, daß er mich schon vor sechs Jahren in die Schule hatte schicken wollen. Aber damals war mein Vater dagegen ge­wesen, er hatte gesagt: "Was soll er in der Schule?" Der Arzt war enttäuscht, daß in diesen Jahren nichts für mich getan worden war, und daß ich nicht in die Behindertenschule geschickt worden war. Das wäre das Wenigste gewesen, was man für mich hätte tun können.

 

Am nächsten Morgen fuhr die Frau mit meiner Mutter und mir in das Schulheim Mäder, das ich ja schon kannte. Dort wurde ich von einer Physiotherapeutin namens Lucy untersucht, und der Direktor wunderte sich darüber, daß ich so gut deutsch sprach. Er fragte mich, wo ich Deutsch gelernt hätte, und ich antwortete: "Im Fernsehen". Er glaubte, ich hätte einen Witz gemacht, und lachte. Er glaubte mir nicht. Ich sagte, daß es wirklich so gewesen sei, und er fragte mich, wie ich das gemacht hätte. Ich erzählte ihm, daß ich immer ver­sucht hatte, die Sätze, die ich im Fernsehen hörte, nachzusprechen, und daß mein Nachbar, mit dem ich be­freundet war, mir die Sätze und Wörter erklärt hatte. Sie fragten mich dann, ob ich für längere Zeit ohne meine Mutter auskommen könnte. Ich sagte ja, und sie boten mir an, auf die Landschulwoche mitzukommen.

 

Zwei Wochen später etwa fuhren wir mit einem Bus nach Salzburg, und dort wohnte ich das erste Mal in einem Hotel. In Salzburg lernte ich meine Freundin Simone kennen, die damals dreizehn Jahre alt war. Sie be­merkte, daß ich sehr kitzlig war, und nützte das scham­los aus. Sie kitzelte mich, bis ich mich fast tot­gelacht hatte und mir in die Hosen machte. Damals war ich zum ersten Mal unter Behinderten, und das war ein gutes Gefühl. Es waren geistig und körperlich Behinderte, und ich war in der Körperbehindertengruppe.

 

Endlich machte ich die wichtige Erfahrung, nicht der einzige Behinderte zu sein. Das hatte ich zwar schon vorher gewußt, aber daß ich zwei Wochen mit Behinderten zusammen verbrachte und ihre Probleme sah, ermöglichte mir die Erfahrung, mit meinen Schwierigkeiten nicht allein zu sein. 

 

In Salzburg waren wir auf der Burg Hohensalzburg, wir besuchten den Zoo, und das Lustigste war der Besuch im Park des Schlosses Mirabelle, dort sahen wir uns die Wasserspiele an und wurden natürlich ganz naß, aber da­mit nicht genug fing es auch noch zu regnen an, und wir mußten uns in den Bus flüchten.

 

Im darauffolgenden Sommer, bevor ich in die Schule kam, waren wir in der Türkei bei meinen Großeltern auf dem Bauernhof. In Istanbul, das wir natürlich auch besuch­ten, richteten meine Cousins, die Söhne der Schwester meines Vaters, für mich einen tragbaren Stuhl, etwas ähnliches wie ein chinesisches Taxi, her, um mir ein bißchen die Stadt zeigen zu können. Als sie mit mir durch die Straßen flanierten, gafften viele uns an und stellten dumme Fragen. "Was ist da passiert?  Kann er denn nicht gehen? Was hat er denn?" Natürlich muß es eigenartig ausgesehen haben, weil ich von vier Jungs durch die Straßen getragen wurde.

 

Ich glaube es ist besser, die Leute schauen und stellen Fragen, als daß sie wegsehen. Ich würde auch neugierig sein und fragen - wahrscheinlich. Mein Vater wollte mich in der Türkei zurücklassen, und ich mußte mich da­gegen wehren, denn ich wollte ja in die Schule gehen. Die Großmutter stellte sich auf meine Seite und half mir gegen den Vater.

 

Meine Großeltern fragten zwar zuerst, wie ich denn in die Schule gehen könnte, mit meiner Krankheit, aber ich erklärte ihnen, daß es in Österreich auch für Behinderte Schulen gibt, und daß ich in so eine Schule gehen würde. Vielleicht hatte mein Vater das damals nur im Spaß gesagt, daß er mich am liebsten in der Türkei zurücklassen würde, aber ich hatte furchtbare Angst, er könnte es ernst meinen. Ganz sicher bin ich mir heute noch nicht.

 

In das Haus neben uns zog in diesem Sommer eine türki­sche Familie ein mit einem Sohn und einer Tochter. Die Tochter war sehr hübsch, und ich war ein bißchen ver­liebt in sie, sagte es ihr aber nie. Der Sohn, der un­gefähr gleich alt war wie ich, kam oft zu mir und er­zählte mir Witze, daß ich mich fast totlachte; leider machte ich mir dabei auch manchmal in die Hosen, wenn ich zu sehr lachen mußte (Ich habe dann keine Kontrolle mehr über mich), und meine Mutter , wenn es ihr zuviel wurde, knallte mir hin und wieder eine. Sowohl der Junge, er hieß Mehmet, als auch das Mädchen, ihr Name war Hülya, gingen mit mir öfters spazieren. Hülya durfte alleine nicht spazieren gehen, doch wenn ich sie begleitete, dann erhielt sie die Erlaubnis, und so ging ich bald öfter mit ihr als mit ihrem Bruder.

Ihre Mutter sagte manchmal, ich solle Hülya heiraten, und sie selbst sagte auch, sie würde mich gerne heira­ten, wenn ich wieder laufen könnte. Sie glaubten, daß irgendwann einmal ein Wunder geschähe. Aber eines Tages brannte Hülya mit einem jungen Türken durch, und als man die beiden wieder gefunden hatte, gab es große Hochzeit. Ich war darüber natürlich ein bißchen trau­rig.

 

Aber eine Freundin von ihr, die uns manchmal begleitet hatte, ging weiter mit mir spazieren, und ich war auch in sie ein bißchen verliebt; auch ihre Mutter sagte zu mir, ich sollte ihre Tochter heiraten, aber ich lehnte ab, weil ich wußte, daß sie es nicht ernst meinte. Ich sagte ihr, daß vielleicht mein Bruder etwas machen könnte. Da lachte sie sehr. Glücklicherweise heiratete die Tochter meinen Bruder nicht, denn er ist ein un­treuer Geselle.

 

Im September kam ich in die Schule. Ich war mit drei­zehn Jahren der älteste von allen Schülern und kam in die unterste Klasse, die anderen Schüler waren zwischen sieben und dreizehn Jahre alt. Jeden Tag brachte mich ein richtiges Taxi zur Schule; es nahm auch noch andere Schüler mit, aber ich durfte immer vorne sitzen. Ein anderer Schüler mit dem Namen Lothar, der an Muskelschwund litt, hatte vorher immer vorn neben dem Fahrer sitzen dürfen, und er war nun böse auf mich und nannte mich oft 'Scheiß-Türke'. Eines Tages reichte es mir, und ich sprach mit seinem Lehrer darüber. Dann war er sehr freundlich zu mir, und wir wurden gute Schulkollegen.

 

Gleich von Anfang an durfte ich mit einer Schreibmaschine schreiben und rechnen lernen. Weil ich wußte, daß die Schulzeit für mich nicht lange dauern würde, wollte ich alles auf einmal machen, und wenn ich etwas nicht konnte, dann weinte ich. Rechnen fiel mir viel leichter als die deutsche Sprache. Neben Lesen und Schreiben und Rechnen hatten wir auch Sachunterricht, etwas Geographie und Biologie. Obwohl ich nur wenig lernte, war es doch sinnvoll. Ich hatte z. B. vorher nicht gewußt, daß im Wasser viele kleine Tierchen le-ben, und auch nicht, wie ein Frosch schwanger wird.

 

Über Geschichte lernte ich nichts, nur etwas über die türkische Geschichte, denn für die ungefähr fünf türki­schen Schulkinder, die das Schulheim Mäder besuchten, kam einmal in der Woche ein türkischer Lehrer, der uns in unserer Muttersprache unterrichtete, manchmal hatten wir auch etwas Religionsunterricht und eben Geschichte. In meiner Schulzeit hatte ich zwei verschiedene türki­sche Lehrer, die beide sehr nett und freundlich waren. Sie waren nicht sehr religiös, sondern eher fort-schrittlich und liberal eingestellt.

 

 

 

10. KAPITEL

 

 

Wunderheiler

 

 

Als ich im zweiten Schuljahr war, brachte mich mein Vater mit seiner österreichischen Freundin nach Tirol zu einem Wunderheiler; von seiner Freundin hatte mein Vater von der Heilung angeblich unheilbarer Krankheiten durch diesen Mann erfahren, und so wollte er es mit mir noch einmal versuchen.

 

Er brachte mich nach Tirol, mußte aber selber gleich wieder zurück, um zu arbeiten. Aber seine Freundin und ihre Schwägerin blieben etwa eine Viertelstunde lang. Der Heiler hielt meinen Kopf, dann strich er mir - ohne mich zu berühren - mit der Hand knapp über den Körper, und am Fußende machte er immer wieder Schüttelbewegungen, als ob die Krankheit abzuschütteln gewesen wäre. Innerhalb von zwei Wochen besuchte ich ihn ungefähr zwanzig Mal, und in allen Sitzungen ge­schah das gleiche. Eine Stunde bei diesem Heiler ko­stete 2 5OO Schilling, mein Vater zahlte insgesamt also 5O OOO Schilling. Als sich nach zwei Wochen an meinem Körper nichts verändert hatte, brach mein Vater den Versuch, der ihm zu teuer wurde, ab.

 

 

 

 

 

 

11. KAPITEL

 

 

Wie ich erfuhr, daß meine

Krankheit unheilbar ist.

 

 

In der Schule lernte ich eine Physiotherapeutin namens Lucy kennen, zu der ich im zweiten Schuljahr, da war ich 14 Jahre alt, besseren Kontakt bekam, vor allem, weil ich schon besser Deutsch konnte als im ersten Schuljahr.

Als ich einmal mit ihr ins Gespräch kam, fragte ich sie, woher sie käme; sie erzählte mir, daß sie Holländerin sei, und erklärte mir auch, wo Holland liegt. Sie versprach, ein paar Tage später Bilder mit­zubringen, und nach einer Woche zeigte sie mir Photos von ihrer Heimat. Die Bilder gefielen mir gut, ich sagte zu ihr: "Wenn ich einmal laufen kann, dann komme ich Dich in Holland besuchen!"

 

Lucy sah mich erstaunt an und fragte: "Weißt Du denn nichts?", und ich fragte zurück: "Was soll ich denn wissen?" Sie fragte mich noch einmal: "Haben denn Deine Eltern Dir nichts über Deine Krankheit gesagt?" Ich verneinte, und sie sagte zu mir: "Schau, Süleyman, Du bist noch viel besser dran als viele andere."

 

"Natürlich, das weiß ich", antwortete ich, denn ich hatte bei meinen Schulkollegen schon schlimmere Krankheiten gesehen. Dann erklärte sie mir, daß meine Krankheit unheilbar ist, und daß ich nie mehr würde laufen lernen können. Das war für mich ein Schock. Ich konnte eine Stunde lang nicht mehr sprechen. Als sie mich dann in meine Klasse zurück brachte, da begann ich zu weinen.

 

Meine Lehrer fragten Lucy, warum ich denn Kummer hätte, und sie erklärte es ihnen. Sie fragten mich, ob ich lieber nach Hause gehen oder bis zum Abend in der Schule bleiben wollte, aber ich blieb lieber in der Schule. Als ich abends wieder weinte, fragte mich Mutter, warum ich traurig sei. Ich sagte ihr, daß ich nun wüßte, daß ich nicht mehr laufen lernen würde. Seither hat sie mich nicht mehr wie bisher vom Gegenteil zu überzeugen versucht, sondern hat mich in Ruhe gelassen, und das finde ich gut.

 

Ich hatte, nachdem ich nun die Wahrheit kannte, die Lügen satt. Ich glaubte Lucy mehr als meiner Mutter, weil sie mir meine Krankheit gut erklärt hatte. Sie sagte zu mir, daß mein Zustand schon so lange unverän­dert und daher die Wahrscheinlichkeit extrem gering sei, daß sich noch etwas verändern würde. Sie ver­suchte, mir beizubringen, daß ich mich abfinden müsse, und daß auch das Leben mit einer bleibenden Behinderung schöne Augenblicke haben kann. Meine Mutter aber glaubt heute immer noch daran, daß ein Wunder geschehen wird. Auch meine Großeltern hoffen, daß ich einmal gesund werde.

 

 

 

12. KAPITEL

 

 

Das letzte Schuljahr

 

 

Damals war ich noch im Schulheim Mäder. Insgesamt war ich drei Jahre dort. Ich habe sonst nichts Besonderes erlebt. Im letzten Schuljahr wollte ich mit der Schule nach Wien in die Landschulwoche fahren. Als es noch fünf Tage waren, da war dazwischen ein türkischer Feiertag.

 

Da sagte mein Vater plötzlich, daß sein Bruder angeru­fen habe, weil meine Großmutter krank sei, und daß wir deshalb in die Türkei zurückfahren müßten. Das teilte ich dann auch am nächsten Tag der Schule mit, weil ich ja deshalb nicht mit auf die Landschulwoche fahren konnte. Meine Lehrerin glaubte das nicht und fuhr des­halb mit mir nach Hause. Ich war traurig darüber, daß ich nicht mit nach Wien fahren konnte, da es mein letz­tes Schuljahr war.

 

Am nächsten Tag fuhren wir los in die Türkei, und erst in Jugoslawien sagte mir der Vater, daß er mich angelo­gen hatte, denn er wollte nur wegen dem türkischen Feiertag in die Türkei fahren. Ich war sehr traurig, aber was sollte ich dagegen machen? Wir waren auf dem Bauernhof bei meinen Großeltern. In diesen vier Wochen bekam ich plötzlich Durchfall und wurde krank. Auf un­serem Bauernhof gab es wenig Wasser, und wir fuhren deshalb zu meiner Cousine nach Istanbul. Dort hatten wir dann ausreichend Wasser für die Hygiene. Wir gingen dort dann auch zu einem Arzt, der mir sagte, daß ich durch die Klimaveränderung krank geworden wäre. Ich habe bis heute meinem Vater noch nicht verziehen, daß er mich zuerst nicht in die Schule schicken wollte und mich, als ich dann doch in der Schule war, angelogen hatte, damit ich mit ihm in die Türkei fahre und nicht - wie vorher ausgemacht - auf die Landschulwoche nach Wien. Ich empfinde das als sehr ungerecht.

 

Nach diesen vier Wochen: mein Zeugnis bekam ich erst später; nach drei Monaten kam die Lehrerin vorbei und brachte mir mein Zeugnis. Ich hatte kein Nicht-Genügend und auch kein Genügend, nur Einser, Zweier und Dreier.

 

Mathematik 1

Deutsch 3

Sachunterricht 3

Musik 3

Werkerziehung 2

Türkisch 2

Mathematik hatte mir am besten gefallen.

Ich war gerne in die Schule gegangen.

Das war mein Abschlußzeugnis.

 

 

 

13. KAPITEL

 

 

Arbeitssuche

 

 

Danach lernte ich einen türkischen Kollegen kennen, der bei der Arbeiterkammer für türkische Bewohner zuständig war. Der schaute für mich, was man mit behinderten Leuten tun kann. Er machte das Institut für Sozialdienste ausfindig und meldete mich dort an. Zwei Wochen später erhielt ich von dort einen Brief, in dem geschrieben stand, daß in etwa zehn Tagen ein Mitarbeiter bei mir vorbeikäme, um mit mir zu reden.

 

Das IFS hatte einen türkischen Dolmetscher mitgebracht, den ich aber nicht brauchte. Die Frau sagte mir, daß ich, wenn meine Hände in Ordnung wären, doch arbeiten könnte, aber das konnte ich nicht. Ich fragte, ob ich noch ein Jahr in das Schulheim Mäder gehen könnte, und die Frau versicherte mir, alles ihr Mögliche zu tun, um mir diesen Wunsch zu erfüllen. Eine weitere Möglichkeit war, daß jede Woche ein Mitarbeiter vorbeikommen würde, um mit mir zu spielen, spazieren zu gehen, zu plaudern und so weiter. Ich antwortete, daß ich, falls es mit der Schule nicht klappte, dieses Angebot annehmen würde. Die Frau meinte, daß dies egal sei, daß sie trotzdem allwöchentlich einen Betreuer schicken werde. Ab diesem Gespräch kam dann jede Woche ein Betreuer.

 

 

 

14. KAPITEL

 

 

Fremdenpolizei

 

 

Etwa drei Monate später bekam mein Vater von der Fremdenpolizei einen Brief, in dem er aufgefordert wurde, bei ihr vorzusprechen. Er ging hin, und es ging, wie ich später erfuhr, um mich. Ich könnte noch ein Jahr in der Schule bleiben, müßte aber dann in die Türkei zurück, weil Behinderte den Staat zuviel Geld kosten würden. Als in der nächsten Woche wieder der Betreuer vom IFS kam, erzählte ich ihm natürlich von diesem Vorfall mit der Polizei. Dieser wußte nicht, was man in einem solchen Fall unternehmen konnte, und ver­sicherte mir, sich mit seiner Chefin zu beraten. Eine Woche später kam der Betreuer mit seiner Chefin. Ich erzählte ihr noch einmal ganz genau, was vorgefallen war, und so wurde mir vom IFS ein Anwalt zur Verfügung gestellt. Dieser regelte die Angelegenheit zu meinen Gunsten. Ich war ungefähr 17 Jahre alt, als ich mit der Schule fertig war.

 

 

 

15. KAPITEL

 

 

Muezzin

 

 

Ein Jahr danach gingen meine Eltern und ich in die Türkei. Meine Mutter wollte ihre Eltern besuchen, denn ihr Vater hatte ihr erzählt, daß es dort einen Muezzin gäbe, der mich vielleicht heilen könnte. Meine Großmutter sagte, daß sie von dem Muezzin sehr viel ge­hört und er schon vielen Menschen geholfen hätte. Allerdings: der Muezzin war ganz weit von unserem Bauernhof entfernt. Dann fuhren wir am nächsten Tag zu meiner Mutter Eltern. Die Eltern meiner Mutter wohnen in einer anderen Stadt als die Eltern meines Vaters.

 

Tags darauf kamen die Eltern der Mutter und erzählten mir die Geschichte vom Muezzin, aber ich glaubte ihnen nicht. Aber mein Großvater bat mich, es doch zu probie­ren. Er sagte, daß ich ja nichts zu verlieren habe. Die Fahrt dauerte drei Tage mit dem Auto meines Vaters, denn der Muezzin wohnte weit unten in der Türkei in der Nähe vom Iran und dem Irak. Als wir endlich auf dem Bauernhof angekommen waren, sahen wir dort einige gei­stig behinderte Menschen. Ich war der einzige mit einer Körperbehinderung. Zu mir sagte der Muezzin, daß es zu spät sei, und daß er mir nicht helfen könnte. Ich hatte ja schon vorher gewußt, daß er mir nicht würde helfen können, aber ich hatte es für meine Großeltern getan. Ich hatte immer schon über meine Behinderung Bescheid gewußt. Alles zusammen kostete ungefähr 300.000 Lire, das sind umgerechnet etwa 5.000 Schilling. Die Fahrt war sehr anstrengend bei dieser Hitze, drei Tage hin und drei Tage zurück, quer durch die Türkei. Mein Großvater war sehr enttäuscht, und ich erinnerte ihn daran, daß er mir ja nicht hatte glauben wollen.

 

 

 

16. KAPITEL

 

 

Die Hiobsbotschaft

 

 

Als wir wieder in Vorarlberg waren, rief meine Mutter in der Türkei an, um zu fragen, was es Neues gäbe. Der Onkel teilte ihr mit, daß mein Cousin im Schwarzen Meer ertrunken war. Ich hatte ihn sehr gern gehabt.

 

 

17. KAPITEL

 

 

Warum kriege ich keinen elektrischen Rollstuhl?

 

 

Als ich sechzehn Jahre alt war, ging ich in Vorarlberg zur Schule. Die Schule hieß 'Schulheim Mäder'. Ich fuhr dort zum ersten Mal mit einem elektrischen Rollstuhl, der der Schule gehörte. Dann sagte ich Papa, daß ich mit dem elektrischen Rollstuhl fahren konnte. Er glaubte es mir nicht. Damals kostete ein elektrischer Rollstuhl 100.000 Schilling.

 

Ich sagte meinem Vater immer wieder, daß ich so einen möchte, aber er antwortete immer wieder, daß ich mit so einem 'elektrischen' nicht umgehen könnte. Und ich sagte: "Wenn Du mir nicht glaubst, dann komm doch in die Schule." Das tat er aber auch nicht. So ging ich halt weiter zur Schule, bis ich nicht mehr durfte, weil ich zu alt geworden war, und dann blieb ich für vier Jahre zu Hause.

 

Einmal in der Woche, für einen Vormittag oder einen Nachmittag, kam ein Betreuer oder eine Betreuerin vom Amt für Sozialdienste zu mir. Mit denen durfte ich ma­chen, was ich wollte, also spazieren, schwimmen, reden und plaudern oder Karten spielen. In diesen vier Jahren bat ich Vater immer wieder, mir einen elektrischen Rollstuhl zu kaufen. Aber er sagte immer zu mir: "Du kannst den nicht bedienen." Eines Tages las ich zufäl­lig Zeitung, und darin stand, daß man Gratisinserate machen könnte, und das tat ich auch. Ich wollte unbedingt einen elektrischen Rollstuhl, egal wie. Also gab ich eine Anzeige auf: "Ich suche einen alten elek­trischen Rollstuhl um 5- bis 10.000 Schilling." Ich war sehr religiös und betete immer zu Gott, daß es mit der Anzeige klappen möge. Eines Tages läutete dann bei mir zu Hause das Telefon, und ich sagte meiner Schwester, ich hätte die Telefonnummer in der Anzeige angegeben, und sie möchte ans Telefon gehen, weil sie gut Deutsch konnte.

 

Es war ein Zufall, daß ein Verein für behinderte Leute die Anzeige gelesen hatte, und die riefen mich an. Sie fragten meine Schwester, wie alt und ob ich geistig in Ordnung sei. Meine Schwester sagte, ich wäre okay, ich sei nur spastisch gelähmt, und die sagten, sie würden vorbeikommen. Sie fragten noch, wann, und meine Schwester antwortete: "Wann es ihnen recht ist." Sie sagten, sie kämen am Nachmittag. Ich hatte die größte Freude meines Lebens.

 

Um zwei Uhr kam dann ein Mann und sagte, es wäre nicht so leicht für mich, den Rollstuhl zu bekommen, weil ich Ausländer sei, und ich solle mich nicht zu früh freuen. Ein solcher Rollstuhl würde 80.000 Schilling kosten. Es gäbe aber schon teurere auch noch. Er fragte mich, wie lange ich schon in Vorarlberg lebte, und ich sagte ihm: "Schon elf Jahre." Dasselbe wollte er für meinen Vater wissen, und ich sagte ihm: "Schon mehr als 18 Jahre." Nochmals sagte er, ich solle mich nicht zu früh freuen, es gäbe keinen Verein für ausländische Behinderte, der Hilfe anbieten würde. Dann ging er und sagte noch, er würde schauen, daß ich trotzdem einen bekäme.

 

Eine Woche später kam er wieder und meinte, es ginge nicht, weil ich Ausländer sei. Ich war sehr enttäuscht und fragte mich immer wieder, warum ein einziger Behindertenwunsch nicht in Erfüllung gehen könne. Da hörte ich auf, an Gott zu glauben. Wenn es einen Gott gäbe, sagte ich zu mir, dann würde er mir helfen. Ich wünschte mir ja nur einen elektrischen Rollstuhl, und Gott müßte sehen. daß ich nicht gehen kann, und daß mir nur ein elektrischer Rollstuhl helfen würde. Wenn Gott so mächtig wäre, würde er mir schon helfen, also gibt es ihn gar nicht. Daß ich ungläubig wurde, erfuhren meine Eltern nie.

 

Eines Tages dann sagte Vater zu mir, er würde mir einen elektrischen Rollstuhl kaufen, wenn die Gebietskrankenkasse die Hälfte bezahlte, und ich solle mit dem Betreuer zur Gebietskrankenkasse fahren. Das tat ich. Aber dort sagten sie nein: mir würde nur der normale Rollstuhl zustehen, die Kasse bezahle keine Extras. Wieder sagte ich zu mir: es gibt keinen Gott.

 

Zufällig machte ich einmal mit meinem Betreuer dem Schulheim Mäder einen Besuch und fragte: "Darf ich mit dem elektrischen Rollstuhl ein paar Runden fahren?" Sie erlaubten es mir.

 

 

 

18. KAPITEL

 

 

Wie ich zur Lebenshilfe kam,

und wie mein größter Traum in Erfüllung ging

 

 

Der Direktor vom Schulheim Mäder sagte mir, als ich die Schule verließ, ich solle doch zur Lebenshilfe gehen. Einmal war ich schon dort gewesen, als ich meinen er­sten Betreuer vom Institut für Sozialdienste bekommen hatte. Es hatte mir nicht gefallen, aber es waren nur zwei Stunden gewesen. So fragte ich den Direktor, ob ich noch immer dorthin könnte, denn - das sagte ich ihm nicht - ich hatte zuhause mit meinen Eltern Streit. "Natürlich ist das möglich." sagte er und gab mir die Telefonnummer der Lebenshilfe. Ich solle dort anrufen und sagen, ich möchte zur Lebenshilfe, und wenn es nicht klappen sollte, weil ich Ausländer bin, solle die Lebenshilfe bei ihm anrufen.

 

 

Dann kam eine Woche später wieder mein Betreuer, mit dem ich zuvor in Mäder gewesen war, und rief bei der Lebenshilfe an. Sie wollten wissen, ob ich geistig schwer behindert wäre und so weiter und so fort. Schließlich vereinbarten wir einen Termin, an dem mich die Chefin der Beschützenden Werkstätte besuchen und anschauen kommen wollte. Sie kam dann und wollte wis­sen, warum ich solange gewartet hatte, nachdem ich mit der Schule fertig gewesen war. Ich sagte ihr, mir wäre jetzt langweilig zuhause. Ich wollte etwas anderes tun, als immer nur zuhause zu sitzen. Und sie sagte mir, sie wolle alles tun, damit ich zur Lebenshilfe kommen könnte, obwohl normalerweise Ausländer, sobald sie ein­mal 16 Jahre alt wären, von der Lebenshilfe nicht mehr aufgenommen würden. Mittlerweile hat sich das im Übrigen auch geändert.

 

Ich wollte unbedingt von zu Hause fort und fragte die Chefin des IFS, ob ich zur Lebenshilfe gehen könnte, und sie versprach mir dasselbe wie die Chefin der Beschützenden Werkstätte. Wenn das Land nicht damit einverstanden wäre, würden sie den Fall in die Presse bringen. Ich redete mit meinem Vater darüber, und er war einverstanden damit, daß ich fort zur Lebenshilfe wollte. Aber er glaubte nicht, daß es klappen würde, weil er schon fünf Jahre vorher versucht hatte, mich dort unterzubringen, weil meine Mutter mich nicht be­treuen hatte können, aber damals hatten sie ihm gesagt, es wäre nicht möglich, weil ich Ausländer sei.

 

Er erkundigte sich also, ob das stimme, was ich ihm ge­sagt hatte, und die sagten ihm, sie würden in zwei Tagen vorbeikommen, um den Papierkram zu erledigen. Das war im Sommer, als meine Eltern in die Türkei fahren wollten. Ich wollte nicht mitfahren.

 

Und dann kam die Chefin der Beschützenden Werkstätte (BW) mit den Papieren. Mein Vater war mit allem einver­standen, und die Frau sagte, sie hätte mit dem Schulheim Mäder Kontakt aufgenommen, und die hätten ge­sagt, daß ich einen elektrischen Rollstuhl nagelneu und gratis bekommen würde. Das war wie ein Wunder für mich, und seither glaube ich wieder an Gott. Aber zu meinen Eltern stehe ich noch immer schlecht. Zwei Wochen spä­ter fuhr mein Vater in die Türkei, und ich blieb mit meiner Mutter in Vorarlberg. Am 7. Juli sollte ich zur Lebenshilfe kommen. Am 6. Juli 1989 kamen die Chefin der BW und ein paar Betreuerinnen und wollten von mei­ner Mutter wissen, wie ich denn bisher betreut worden wäre. Meine Mutter erklärte ihnen alles. Dann wollten sie wissen, wann ich kommen wollte, vormittags oder nachmittags, und ich sagte: "Vormittag."

 

Am nächsten Tag kamen sie mit dem Bus, um mich abzuho­len. Als ich endlich von zuhause fortfuhr, hatte ich ein gutes Gefühl, weil meine Eltern und meine Geschwister mir nie etwas geglaubt hatten. In ihren Augen war ich ein Nichts.

Ich kam gleich in die Werkstatt und lernte dort einen Betreuer kennen namens Andreas Hemetsberger. Der war so lässig, daß man mit ihm über alles reden konnte, über Frauen, einfach über alles.

 

 

 

19. KAPITEL

 

 

Wie ich meinen besten Freund kennengelernt habe

 

 

Um halb vier kam ich dann in die Wohngruppe, und dort lernte ich einen jungen Betreuer kennen, der ungefähr in meinem Alter war - Laszlo.

 

Zum ersten Mal lernte ich dort einen richtigen Freund kennen. Ich hatte von zuhause Spielkarten mitgebracht und brachte ihm Pokern bei. Zufällig wußte ich, daß es ein Behindertenlager geben würde. Mein Freund, Laszlo, fuhr dann mit mir und ein paar anderen dorthin, und es gefiel ihm sehr gut. Den anderen gefiel es nicht so gut. Laszlo war ein einsamer Mensch. Damals hatte ge­rade seine Freundin mit ihm Schluß gemacht. Das wollte er nicht begreifen. Wir versprachen den Leuten vom Lager, daß wir am nächsten Morgen wiederkommen würden, wir zwei.

 

Am nächsten Tag sagte ich in der Werkstatt, daß ich wegfahren wollte, denn ich hatte Geburtstag, ich wurde 22. Bis zu meinem 22. Lebensjahr hatte ich keinen Freund gehabt, der so mit mir herumgefahren wäre.

 

Laszlo holte mich also aus der Werkstatt ab, und wir fuhren mit seinem Auto zur Neuburg, wo das Lager statt­fand. Gerade an diesem Tag hatten sie dort Discoabend. Dort lernte ich ein Mädchen kennen, das im Rollstuhl saß. Sie war sehr hübsch und sehr schüchtern. Ich war sehr verliebt in sie. Sie war 18 Jahre alt, und sie wollte mich leider nicht. Laszlo verstand mich, und als wir wieder zuhause waren, sagte er mir, wir würden am nächsten Tag wieder ins Lager fahren. Wir fuhren dann aber zuerst zu Laszlo nach Hause, badeten beide und fuhren dann ins Lager, wo ich meiner Freundin einen Blumenstrauß schenkte.

Sie freute sich, aber sie beachtete mich nicht. Monika hieß sie. Zufällig hatten wir am nächsten Tag in Batschuns ein Sommerfest, und ich hatte vergessen, sie einzuladen. Ich kannte auch nicht die Telefonnummer von der Neuburg, wo Monika erreichbar war. Andreas brachte dann über das IFS für mich die Telefonnummer in Erfahrung, er rief auch für mich dort an und lud sie ein. Sie kam dann auch wirklich mit zwei Betreuern, das fand ich wunderbar.

 

Weil ich am nächsten Tag mit der Lebenshilfe nach Kärnten auf ein Ferienlager fahren sollte, fragte ich sie nach ihrer Adresse, um ihr eine Karte schreiben zu können. Dann gingen wir in mein Zimmer, sie wollte die Wohngruppe anschauen, und sie gab mir ihre Adresse, ich glaube, weil sie mich loswerden wollte. Immer wenn ich mit ihr sprechen wollte, fragte sie jemand anderen et­was, ein ernsteres Gespräch war also nicht möglich. Entweder sie verstand mich nicht, weil ich nicht gut reden kann, oder sie wollte nicht mit mir sprechen. Ich schrieb ihr dann aus Kärnten eine Ansichtskarte, auf der ungefähr stand: "Hallo Monika! Es ist ohne Dich in Kärnten sehr langweilig. Hoffentlich sehen wir uns wie­der. Viele Grüße ..." Ich habe sie dann nie wieder ge­sehen oder etwas von ihr gehört.

 

Ich war in Kärnten sehr einsam. Nur die drei Zivildiener, die mit waren, brachten Abwechslung, ich trank abends immer mit ihnen Bier, einmal in einer Disco sogar drei große Gläser, danach wußte ich gar nicht mehr, wie ich ins Bett gekommen war. Das kam vielleicht daher, daß ich das Bier immer mit Strohhalm trank, man sagt, es wirkt dann stärker.

 

Nach zwei Wochen kamen wir aus Kärnten zurück, das war am 18. August 1989. Ich mußte dann noch drei Wochen zu­hause bleiben, denn die Lebenshilfe wollte mich auf Dauer erst im September aufnehmen, und zwar am 7. September. Aber vorher, als ich noch zuhause war, kam eines Tages Laszlo vorbei und sagte, ich solle einen Besuch auf dem Neuburg-Lager machen, denn Simone, meine Freundin, würde auch dorthin kommen. Das freute mich sehr, denn ich hatte sie acht Monate nicht gesehen.

 

An diesem Abend wurde auf der Neuburg ein Disco-Abend organisiert, das erinnerte mich an die Zeit ein Jahr zuvor, als ich mit Simone zusammen schon einmal auf der Neuburg gewesen war. Zufälligerweise waren auch einige anwesend, die mich ein paar Wochen vorher mit Monika zusammen gesehen hatten, und sie sagten, sie würden Simone erzählen, daß ich eine andere gefunden hätte. Ich bettelte darum, Simone nichts davon zu erzählen, weil ich ein schlechtes Gewissen hatte, und ich wollte sie doch nicht verlieren. Sie erzählten dann auch nichts - glücklicherweise.

 

Simone und ich verstanden uns an diesem Abend gut, und ich bedauerte meinen Fehler, einer anderen eine Liebeserklärung gemacht zu haben, während Simone mir während der letzten acht Monate treu gewesen war. Es wurde mir klar, daß ich Simone behalten und die andere vergessen sollte.

 

 

 

 

 

 

 

 

20. KAPITEL

 

 

Lebenshilfe

 

 

Die Lebenshilfe ist eine Organisation, es gibt einen Tages- und einen Wohnbereich. In meiner Wohngruppe in Batschuns waren noch neun andere behinderte Leute, näm­lich Peter, Bernd, Christoph, Damian, Elmar, Gebhard, Hansi, Reinhard und Edwin.

Im Tagesbereich waren Alfred, Thomas, Edgar, Martha, Brigitte, Roswitha, Badja und Alen. Früher war anstelle von Alen Walter Kaufmann dagewesen, der an Muskelschwund gelitten hatte. Jetzt ist Walter tot.

Als ich in die Lebenshilfe kam, hatte ich zuerst eine Betreuerin und einen Betreuer. Nach einem Monat wech­selten die Betreuer. Im Tagesbereich kamen zwei neue Betreuerinnen, von denen die eine Jugoslawin und die andere eine Österreicherin war. Die Jugoslawin hatte in Jugoslawien studiert. Sie war Behindertenlehrerin. Sie hieß Cvetanka. Wir verstanden uns sehr gut, sie wollte mit mir lernen. In meiner Gruppe gibt es zwei, die an Autismus leiden. Diese zwei, Edgar und Thomas, sind ganz verschieden. Thomas kann ganz gut rechnen, und Edgar kann außer Heimarbeit und Montessori fast nichts.

 

Walter, der an Muskelschwund litt, wollte immer in Ruhe gelassen werden. Wenn man ihn etwas fragte, sagte er immer: "Ich weiß nicht!", obwohl er es eigentlich wußte. Cvetanka wollte mit Walter, Thomas und mir ler­nen. Wir lernten verschiedene Sachen. Sie brachte uns Rechnen bei. Thomas lernte sprechen, und ich lernte Deutsch. Um die anderen kümmerte sie sich weniger.

 

Ich konnte nicht dividieren, z. B. 20 170 durch 5 tei­len, und sie erklärte es mir, bis ich es konnte. Ich mochte sie sehr gerne. Damals arbeiteten in der Wohngruppe mehrere Betreuer: Lazlo, Elisabeth und Rainer. Lazlo war noch jung, ungefähr gleich alt wie ich. Er war ein sehr netter Freund. Rainer war auch nett und sehr lustig. Er war 35 Jahre alt und ein Angebertyp. Er brachte mich einmal so zum Lachen, daß ich in die Hose machte. Er verließ die Lebenshilfe, um Medikamentenvertreter zu werden.

 

Elisabeth war eine ganz liebe Betreuerin. Als sie klein war, hatte sie einen Gips an die rechte Hand bekommen. Dabei war etwas schief gelaufen. Ihre Hand blieb klein. Ärztlicher Fehler. Sie betreute gerne Behinderte. Wahrscheinlich deswegen.

Einmal lud ich Cvetanka in die Wohngruppe ein. Dabei lernte sie Rainer kennen. Die beiden verstanden sich gut. Wir hatten sehr viel Spaß zusammen.

 

Eines Tages feierten wir den Abschied von einem Zivildiener. Es gab Kaffee, Kuchen und Limonade. Thomas wollte noch mehr Kuchen, Boris sagte ihm, daß es reicht. Darauf wurde Thomas so wütend, daß er die Milchflasche packte und sie knapp an meinem Kopf vorbei schleuderte. Danach ging er hinaus. Als er an mir vorbeikam, warf er mich fast mitsamt meinem elektrischen Rollstuhl um. Wenn er ausflippte, bekam er immer soviel Kraft. Er lief zur Tür und schlug sie fest zu. Anscheinend ging er in eine andere Gruppe. Dort hatte jemand Besuch von einer alten Frau. Sie gab gerade ihrem Sohn einen Keks. Thomas wollte ihn ihr entreißen. Das mochte er überhaupt nicht. Er flippte total aus. Drei Leute konnten ihn fast nicht halten. Cvetanka wurde ganz gelb im Gesicht. Als sie wieder von ihm abließen, stellte er Walter und mich auf den Balkon hinter der Werkstätte. Wenig später verständigte man die 'Valduna', und sie holten Thomas ab.

 

Marlies und Cvetanka verstanden sich nicht gut. Cvetanka wurde nach Götzis versetzt. Ihr folgte eine junge Betreuerin. Ich erklärte ihr, daß ich nur drei Jahre in der Schule gewesen war und meinen Schulabschluß machen möchte. Sie war Lehrerin für Biologie und Englisch. Sie fragte den Landesschulinspektor, ob ich meinen Abschluß nicht auch in Batschuns machen könnte. Er sagte ihr, daß es nicht möglich wäre. Ich sollte mit dem Schulheim Mäder Verbindung aufnehmen. Sie tat das für mich. Dann wurde sie schwanger. Sie mußte meine Gruppe verlassen, denn dort gab es Schlägertypen. Sie versprach mir, daß ich die Schulsachen kriegen würde.

 

Das war Ende März 1990. Dann bekam ich einen neuen Betreuer, das war Mirko.

 

 

 

21. KAPITEL

 

 

Mein jetziger Wohnort

 

Hörbranz, 30. Juli 1993

 

 

Seit fünf Jahren lebe ich in der Lebenshilfe. Zuerst war ich in Batschuns. Seit 1992 lebe ich im neuen Wohnheim in Hörbranz. Mit mir leben noch sieben Menschen mit den verschiedensten Behinderungen. Franz Bernhard, der etwas über 40 Jahre alt und mongoloid ist. Die anderen sind geistig zurückgeblieben. Für sie bin ich ein armer Teufel, der im Rollstuhl sitzt und nichts tun kann. Wenn ich etwas möchte, streiten sie ab und zu, etwa, wer mir die Zigaretten anzünden darf. Das Personal besteht aus einem männlichen und vier weibli­chen Betreuern. Jeder Behinderte hat einen Primärbetreuer, der speziell für ihn zuständig ist. Für mich ist Karin besonders zuständig. So ein Primärbetreuer macht folgende Arbeiten:

 

* Arztbesuche

* Persönliche Einkäufe

* Persönliche Gespräche

 

Die anderen sind eher für die Pflege zuständig. Die jüngste ist 19 Jahre alt und heißt Sandra. Daneben ar­beiten auch noch Petra und Klaus im Heim.

 

Da ich der einzige bin, der ohne geistige Behinderung ist, habe ich Vorteile wie auch Nachteile. Zum Beispiel wenn es ein gutes Konzert gibt, werde ich gefragt, ob ich Lust habe, mitzugehen. Einmal war ich mit Norbert und Nina in Konstanz. Dort gab es im Sommer ein ganz gutes Rockkonzert, zu dem sie mich einluden. Ich mußte lediglich für das Einreisevisum nach Deutschland auf­kommen (Ich bin ja türkischer Staatsbürger). Mit der Fähre fuhren wir von Friedrichshafen nach Konstanz. In Konstanz angekommen fuhren wir zum Fußballstadion. Ich war vorher noch nie auf einem so großen Konzert gewe­sen. Norbert und Nina wollten mir den Aufenthalt so schön wie möglich gestalten. Sie schoben mich ständig wieder in den Schatten und fragten mich immer wieder, ob es mir paßte. Am Abend trat die beste Gruppe auf, und Norbert nahm mich über seine Schulter, damit ich etwas sehen konnte. Die Leute fragten Norbert, ob es ihm noch ginge. Später setzte er mich auf die Lehne meines Rollstuhles. Nach dem Konzert fuhren wir wieder nach Hause ins Wohnheim.

Norbert und Nina arbeiten in der Werkstatt Wolfurt, wo ich tagsüber vor allem am Computer arbeite. Meine Arbeit ist, auf dem Computer Listen und andere Schreibarbeiten vor allem für die Lebenshilfe zu erle­digen. In der Werkstatt sind noch 21 andere Behinderte mit den unterschiedlichsten Behinderungen auf verschie­denste Weise beschäftigt. Sie erledigen Heimarbeiten für verschiedene Firmen, es gibt eine Handarbeitsgruppe, wo Teppiche geknüpft und Häkelarbeiten gemacht werden. Norbert arbeitet mit un­seren beiden Schwerstbehinderten. Nina macht die Heilpädagogikschule. Das übrige Personal setzt sich zu­sammen aus: einem Zivildiener, drei Frauen und zwei Männern.

 

 

 

22. KAPITEL

 

 

Betreuer

 

 

Bevor ich in die Lebenshilfe kam, hatte ich fünf ver­schiedene Betreuer, die etwa jeweils nach einem halben Jahr einander abwechselten. Unter den drei Männern waren zwei Zivildiener und ein Praktikant. Bei den beiden Frauen handelte es sich ebenfalls um Praktikantinnen, die mich im Rahmen ihrer Ausbildung betreuten. Deshalb wechselten die Betreuer so rasch. Sie besuchten mich einmal in der Woche für ungefähr vier Stunden und unterhielten sich mit mir oder gingen mit mir spazieren. Einer der Betreuer hatte Angst, mit mir im Auto zu fahren, wegen meiner Zuckungen. Ich sagte ihm, daß es ein Behindertentaxi gibt, und von da an holte er mich immer mit dem Taxi ab, und wir fuhren zusammen irgendwo hin, z. B. nach Bregenz. Das gefiel mir sehr, und ich freute mich sehr, daß er, der noch ein ganz junger Student war, ohne weiteres mit mir in Bregenz herumspazierte.

 

Diese Betreuer bedeuteten für mich fast den einzigen Kontakt zur Welt, außer der Familie und dem Fernseher. Denn nach meinen drei Schuljahren war z. B. der Kontakt zu meinen Schulkollegen völlig abgerissen. Innerhalb der Familie gab es wenig Möglichkeiten. Wenn meine Mutter mich zu ihren Freundinnen mitnahm, dann war das für mich meist sehr langweilig, denn die Frauen sprachen meistens nur über den Haushalt und über ihre Familien.

 

Manche Betreuer haben die Eigenart, mich und andere meiner Schulkollegen wie Kinder zu behandeln. Sie kom­men, streicheln mich am Kopf und sagen: "Du bist aber ein lieber Junge, es wird schon wieder werden!" oder so ähnlich. Sie behandeln mich wie einen zwölfjährigen, dabei bin ich 23 Jahre alt. Aber wenn ich sie darauf hinweise, da mir das Getue auf die Nerven geht, dann wird es ein bißchen besser. Von meinen fünf Betreuern in der Lebenshilfe behandeln mich zwei wie ein Kind, und ich muß es ihnen immer wieder sagen, daß ich nicht wie ein Kind behandelt werden will. Natürlich werde ich auch nicht ganz ernst genommen, aber das finde ich nicht so schlimm, denn ich sehe, so wie ich bin, etwas kindisch aus, und daher ist es eher verständlich.

 

Ich muß mich einfach immer dagegen wehren, und das ist ein mühsames Geschäft, weil ja alle paar Monate ein neuer Betreuer kommt und ich von vorne mit der Erziehung beginnen muß.

 

 

 

23. KAPITEL

 

 

Passanten

 

 

Als ich erfuhr, daß mein erster Betreuer mich nicht mehr lange besuchen würde, weil er nach Wien gehen wollte, um sein Studium zu beenden, wünschte ich mir ein Foto von ihm. Er hatte den Einfall, sich mit mir in Bregenz auf der Seeufer-Promenade fotografieren zu las­sen.

 

Er fragte einige Passanten, ob sie uns mit seiner Sofortbildkamera aufnehmen könnten. Die ersten lehnten ab. Sie sagten, sie könnten nicht fotografieren. - Das fand ich komisch. Wir suchten dann nach Touristen und fanden ein holländisches Ehepaar, das so freundlich war, ein paar Fotos zu machen, die ich heute noch als Erinnerung aufhebe.

Wenn ich zuhause bei schönem Wetter vor dem Haus an der Straßenseite saß, kamen oft Leute vorbei und steckten mir Geld zu. Wenn ich ablehnte, gaben sie mir das Geld trotzdem.

 

Wenn ich sie anzusprechen versuchte, verstanden die Leute zwar meistens nicht, fühlten sich aber doch genö­tigt zu sagen: "Ja, ja, das wird schon wieder besser. Du bist aber ein armer, herziger Bub!" Obwohl ich genau wußte, daß meinen Körper betreffend nichts besser wer­den würde. Manchmal blieben sogar Autos stehen, einmal stieg eine Frau aus und gab mir 100 Schilling. Mir war das zwar ziemlich peinlich, denn ich saß ja nicht zum Betteln da, doch zwangsläufig gewöhnte ich mich daran. Nur mein Vater schimpfte immer mit mir, denn er gab mir eigentlich genug Taschengeld. Ich bekam immer, was ich brauchte.

 

Meine kleine Schwester ärgerte sich manchmal, daß ich soviel Geld bekam, und versuchte hin und wieder auch, auf der Straße zu betteln. Sie und ihre kleinen Schulkollegen baten mich oft um Geld, um sich Eis oder andere Kleinigkeiten kaufen zu können. Immerhin bedeu­tete für mich die kleine Bande die Möglichkeit, auch etwas zu kaufen, denn ich selbst konnte ja nicht al­leine in den Laden gehen.

 

Manche die vorbei gingen starrten mich lange an und be­sahen mich ganz genau - so, als ob ich von einem ande­ren Planeten kommen würde. Aber wenn ich sie anzuspre­chen versuchte, dann gingen sie weg.

 

 

 

24. KAPITEL

 

 

Freunde

 

 

Ich habe noch nie einen richtigen Freund gehabt. Zwar gab es in meinem Wohnort, in Klaus, gleichaltrige Türken, aber sie nahmen mich nicht ernst, weil ich nicht alleine auf das Klo gehen und weil ich nicht al­leine ausgehen konnte.

 

Als wir fünfzehn oder sechzehn Jahre alt waren, sagten sie zu mir, daß sie mich, wenn sie alt genug wären und den Führerschein hätten, in Lokale mitnehmen würden. Aber als es ein paar Jahre später soweit war und ich sie an ihr Versprechen erinnerte, da vertrösteten sie mich immer wieder auf ein anderes Mal. Tatsächlich hat mich nie jemand mitgenommen mit Ausnahme eines Betreuers, der mit mir manchmal außerhalb seiner Dienstzeit etwas unternimmt.

 

Im Oktober war ich bei Mirko essen. Es gab verschiedene Salate und Weißwein zu trinken. Wir brauten uns ein wildes Gesöff aus Orangensaft und süßem Weißwein zusam­men und genossen es. Anschließend schauten wir Videos an. Es war sehr schön, weil ich noch nie bei einem Freund eingeladen gewesen war. Mirko ist drei Jahre jünger als ich. Wir verstehen uns sehr gut. Er ist schon acht Monate hier. Heute ist der 4. Dezember 1990. Als er anfing, wußte er nicht, wie er mit mir umgehen sollte. Als ich ihn bat, mit mir zu rechnen, stellte er mir folgende Aufgabe: 2 + 3 = ?

 

Und dieses Niveau hatten noch weitere Problemstellungen von Mirko. Schließlich wurde es mir zu bunt, und ich stellte ihm folgende Gegenaufgabe:

10 990 - 3 993 = ?

 

Zum Ersten staunte er so, daß ihm die Kinnlade zwischen die Knie fiel, und zum Zweiten war er nicht in der Lage, dieses Beispiel im Kopf zu lösen. Er rechnete, und ich korrigierte seinen Fehler. Danach stritten wir, wer recht hätte. Schließlich rechnete er auf einem Zettel nach und kam zu meinem Ergebnis.

 

Ich erklärte Mirko, daß ich noch nie einen richtigen Freund gehabt hatte, und daß es noch nie jemanden gege­ben hatte, der einmal mit mir ausgangen wäre, bis auf einen Betreuer im Wohnheim der Lebenshilfe. Daraufhin erzählte mir Mirko vom Starlight, einer Nobeldiscothek in Koblach, und lud mich für Samstag ein, mit ihm dort einen Abend zu genießen. Wir machten aus, daß er mich von zu Hause abholen würde. Im Wohnheim darf man bis um elf Uhr nachts ausbleiben.

 

Dann fuhr ich an diesem Freitag nach Hause zu meinen Eltern nach Klaus und erzählte ihnen, daß mich am Samstag Abend ein Betreuer holen werde, um mit mir in eine Disco zu gehen.

 

Mein Bruder sagte: "So was wie Dich lassen sie bestimmt nicht hinein."

 

Mein Vater meinte, daß der Rollstuhl hinderlich sei. Dasselbe sagte er zu Mirko und schlug ihm vor, besser alleine zu gehen. Mirko entgegnete, daß er es wenig­stens mit mir versuchen würde. Schließlich fuhren wir weg. Während der Fahrt fragte Mirko, ob meine Eltern immer so komisch wären - im Gegensatz zu mir.

 

Als wir endlich angekommen waren, wußte Mirko nicht, ob er zuerst den Chef fragen sollte oder ob wir sofort hineingehen sollten. Dann sagte er: "Ach was! Ich nehme Dich so mit, ohne Fragen. Wir können ja immer noch hin­ausgehen." Als wir aber die Stiege hinaufgingen, packte sogar der Chef persönlich mit an und trug mich hinauf. Normalerweise kostete der Eintritt 100 Schilling pro Person, aber Mirko und ich kamen gratis hinein.

 

Zuerst trank ich eine Cola, und dann bestellte ich ein Bier. Mirko fragte mich, ob ich auch das Bier mit Röhrchen trinken wolle, und ich sagte: "Na klar!"

Daraufhin schaute er ziemlich blöde drein. Als ich das Bier hinunterschlürfte, sagte er mir: "Mach mal lang­sam!"

Die Leute, die an mir vorbeigingen und mich anstarrten, bekamen von mir einen Fußtritt. Ich trat sie aber nicht mit Absicht, sondern wegen meiner Spastizität. Die Leute drehten sich erschrocken um und meinten, ich kickte bewußt. Manche grinsten, manche warfen böse Blicke. Vor allem die Frauen machten so komische Gesichter.

 

Wir waren bis ein Uhr in der Disco, und dann mußte ich plötzlich aufs Klo. In der Disco war das WC aber im Keller, und deshalb schlug Mirko vor, nach draußen zu gehen. Draußen war es jedoch noch schlimmer als drin­nen. Bis er mich ausgezogen und in die richtige Position gebracht hatte, war er ganz verschwitzt. Schließlich drehte er mich auf den Bauch und hob mich hoch, sodaß ich waagerecht auf seinen beiden ausge­streckten Armen lag. Trotz Mirkos abstrakter Technik konnte ich das Geschäft zu meiner vollsten Zufriedenheit verrichten.

Ich war zum erstenmal in einer Disco. Als Mirko mich nach Hause brachte, sagte ich mir: 'Also doch, ein be­hinderter Mensch kann alles, wenn eine Hilfe da ist.'

Ich habe von türkischen Kollegen noch nie so viel Hilfe erhalten wie von Mirko. Entweder habe ich nicht die richtigen Kollegen gefunden, oder sie waren zu faul oder wollten nicht mit mir ausgehen, weil es ihnen mit mir zu peinlich gewesen wäre.

 

Drei Wochen nach dem aufregenden Abend sagte Mirko mir, daß in Bregenz ein Rockkonzert stattfinden würde, und ob ich dahin mitgehen möchte. Ich sagte okay. Aber ich wollte, daß meine Freundin auch mitginge, und ich schlug vor, daß ich und meine Freundin mit dem Behindertentaxi nach Bregenz fahren würden. Dann sagte er, daß auch er seine Freundin und deren Freundin mit­nehmen würde. Ich und meine Freundin waren zuerst in Bregenz. Wir kamen natürlich wieder umsonst hinein. 15 Minuten später kam Mirko mit den beiden Mädchen und fragte mich, ob wir etwas bezahlt hätten. Ich verneinte, und er schimpfte: "Warum hast Du nicht auf uns gewartet?"

 

Mirko hatte die beiden Mädchen bestimmt auf mich vorbe­reitet, denn die beiden plauderten ganz normal mit mir. Sie staunten nicht, als ich ein Bier bestellte, und reagierten normal darauf. Dies war mein erster Rockkonzertbesuch. Leider konnte ich nur bis 23 Uhr bleiben, denn ich mußte ins Wohnheim zurück, aber das Konzert dauerte noch viel länger.

 

25 KAPITEL

 

 

Frauen

 

 

Frauen sind Behinderten gegenüber ganz komisch. Sie spielen sich immer als Mütter auf. Man weiß nie, ob sie es ernst meinen oder nicht.

 

Als ich neunzehn Jahre alt war und noch zuhause lebte, lernte ich eine junge Dame durch einen Betreuer kennen. Kurze Zeit später waren wir im selben Behindertenlager. Da passierte es: Ich war total verliebt in sie. Sie merkte es und fragte mich, ob ich in sie verliebt wäre. Ich antwortete: "Ja!" Sie sagte: " Schau, Süleyman, wir sind zwei verschiedene Leute. Du mußt Dir die Passende suchen. Betreuerin bleibt Betreuerin." Seitdem habe ich mir geschworen, daß ich nie mehr in eine Betreuerin oder in eine nicht behinderte Frau verliebt sein werde.

 

Im selben Behindertenlager war auch meine Schulfreundin Simone. In der Schule waren wir nicht so sehr befreun­det gewesen. Ich fragte sie, ob sie einen Freund habe. Sie antwortete mir, daß sie keinen Freund hätte, daß sich das aber ändern könnte. Ich sagte daraufhin: "Na klar wird sich das ändern!" Wir verstanden uns sehr gut. Ich mochte sie sehr, liebte sie sehr. Leider dau­erte das Behindertenlager nur zwei Wochen. Nach diesen schönen zwei Wochen mußten wir nach Hause fahren.

 

Sie schenkte mir einen Ring aus Draht, den sie selber gebastelt hatte. Am letzten Tag fragte ich meinen Betreuer, ob er mit mir zu einem Schmuckladen fahren würde. Ich wollte ihr auch einen Ring schenken. Mein Betreuer fragte mich, warum ich nicht zwei Ringe kaufen gehe? Simone merkte, daß wir etwas vorhatten. Sie fragte mich danach. Ich sagte ihr, daß ich nichts vor­hätte, daß ich nur einen Verlobungsring kaufen würde. Sie glaubte mir nicht. Sie fragte meinen Betreuer, ob das stimmte. Er meinte: "Ja klar ist das wahr!" Schließlich fuhren wir los, und ich kaufte zwei Silberringe. Einer kostete 150 Schilling. Ich über­reichte ihr den Ring, und von diesem Zeitpunkt an waren wir verlobt. Sie hatte eine riesige Freude damit.

 

Am nächsten Tag mußten wir nach Hause fahren. Am Morgen um zehn Uhr holten mich mein Bruder und meine Mutter ab. Ich sagte meiner Mutter, sie solle mich alleine lassen, und sie fragte immer: "Warum, warum, warum?" Ich wurde wahnsinnig wütend auf sie. Dann kam Simone, gab mir einen Kuß, und erst jetzt merkte meine Mutter, was los war. Als wir wegfuhren, weinte Simone. Mein Bruder lachte sie aus. So ein schadenfroher Kerl! Ich hätte ihm eine auf die Gosch'n hauen können. Danach sah ich sie drei Monate lang nicht mehr.

 

Zuhause bekamen wir Besuch von der Freundin meiner Mutter. Die ging mir unheimlich auf die Socken, weil sie immer sagte: "Mei, bist Du verlobt? Wann ist Hochzeit?" Und: "Wenn Du verheiratet bist, wovon willst Du Dich ernähren? Wofür brauchst Du eine Frau?" Ich war unwahrscheinlich wütend auf sie. Ich dachte für mich: 'Warum hast Du denn geheiratet?'

Ich bekam einen Brief von der Lagerleiterin. Sie schrieb, wir sollten uns in einem Restaurant in Feldkirch treffen, um Dias anzuschauen und weitere Vorschläge für das nächste Lager zu erarbeiten.

 

Ich wollte unbedingt zu diesem Treffen gehen, aber mein Vater mußte arbeiten. Er hatte immer Nachtschicht. Mein Bruder sagte: "Was willst Du dort machen?" Ich wußte genau, daß Simone auch hinkommen würde. Dann bat ich meine kleine Schwester Hava, das Behindertentaxi anzu­rufen. Sie tat es. Sie zog mich ganz lässig an. Schließlich wurde ich abgeholt.

 

Ich war als erster vorort. Als nächstes kam die Lagerleiterin, und dann kamen ein paar andere. Endlich kam 'sie' - mit ihren Großeltern. Sie stellte mich vor. Danach schauten wir Dias an. Ich bestellte einige da­von. An einer Wand hingen noch weitere Fotos. Simone schob mich hin und stolperte. Sie fiel ziemlich arg hin. Es war nichts Schlimmes, aber es tat ihr doch weh.

 

Wir saßen noch eine zeitlang beisammen. Dann mußte Simone mit ihren Großeltern nach Hause. Danach sah ich sie sieben Monate nicht mehr.

 

Nach dieser Zeit sagte ich zu meiner Schwester, daß ich zu Simone möchte. Ich schlug vor, sie anzurufen. Hava rief an und fragte, ob ich zu ihr kommen könnte. Simone fragte ihre Eltern, und die stimmten zu. Wir machten aus, daß ich mit dem Behindertentaxi kommen würde. Das war drei Tage vor Weihnachten. Ich wollte am nächsten Tag zu ihr.

 

Ich hatte ein Buch und bat meine Schwester, es einzu­packen. Als sie das erledigt hatte, rasierte und parfü­mierte sie mich. Sie klaute von meinem Bruder die Seidenjacke, das weiße Hemd, die schwarze Krawatte und die schwarze Hose. Sie zog mich an und frisierte mich. Ich sah total lässig aus. Sie sagte: "Wenn Du nicht mein Bruder wärst, ginge ich auch mit Dir aus." Leider kam das Behindertentaxi eine Stunde zu spät.

 

Zum erstenmal lernte ich ihre Eltern kennen. Sie rea­gierten ganz normal. Wenn das türkische Eltern gewesen wären, hätte ich sie ganz bestimmt nicht besuchen dür­fen, weil dann ein Mann seine Freundin vor der Hochzeit nicht besuchen darf.

 

Simones kleiner Bruder fragte: "Warum hat Dein Freund eine Mercedes-Jacke?" "Warum ist er im Rollstuhl?" "Warum redet er so komisch?" Sie erklärte ihm, daß sie ja auch mit Krücken gehe, nur daß meine Krankheit eine andere als die ihre sei, und daß ich auch deshalb so rede. Daraufhin fragte er, ob wir auch schmusen, ob ich stark sei, ob ich Muskeln habe? Aber dann kam ihre Mutter und holte den Kleinen - Gottseidank - aus der Küche.

Ich hatte mit dem Taxilenker ausgemacht, mich um 17.30 Uhr abzuholen. Im Vergleich zu Mittag war er diesmal pünktlich, die runde Kugel.

 

Dann sah ich sie schon wieder sieben Monate nicht mehr.

 

Als ich in die Lebenshilfe kam, schrieb ich ihr einen Brief auf der Schreibmaschine. Ich teilte ihr mit, daß ich einen elektrischen Rollstuhl bekommen würde, und daß ich sie, sobald ich Zeit hätte, anrufen würde. Ich versuchte ein paar Mal, sie telefonisch zu erreichen. Sie war nie zu Hause - oder mit ihren Eltern in Jugoslawien. Irgendwann erreichte ich sie. Sie war tatsächlich mit ihren Eltern in Jugoslawien gewesen. Und dann lud ich sie ein, mit mir und anderen in Bregenz spazieren zu gehen. Mein Betreuer Laszlo und unsere Wohngruppe kamen sie am Sonntag in Hard abholen, um nach Bregenz zu fahren. Wir wollten am See spazie­ren. Das machten wir dann ein paarmal.

 

Eines Tages lud ich sie ins Wohnheim ein und bestellte für sie das Behindertentaxi. Das machten wir zweimal so. Einmal lud ich sie ein. Ich fragte sie, ob sie das Behindertentaxi bestellen würde. Sie sagte ja. Aber sie bestellte für mich ein Taxi. Ich wollte eigentlich, daß Simone zu mir kommt, aber in diesem Fall ging ich zu ihr. Sie hatte einfach falsch bestellt.

An einem Tag rief ich sie an und fragte sie, ob sie zu mir kommen wolle. Sie sagte ja. Ich sagte ihr, daß ich das Taxi bestellen werde. Ich sagte ihr extra, wenn sie keine Zeit hätte, solle sie es gleich sagen. Sie sagte, daß sie schon Zeit hätte. Am nächsten Tag wurde ich krank. Ich rief drei Tage lang nicht mehr bei ihr an. Das Taxi hatte ich schon bestellt. Am vereinbarten Samstag ging es mir einigermaßen gut. Ich wartete und wartete, aber sie kam nicht. Zuerst glaubte ich, das Behindertentaxi hätte vergessen, sie abzuholen.

 

Dann rief ich bei ihr an und fragte, was los sei? Sie sagte, sie habe sich nicht ausgekannt, weil ich nicht angerufen hatte. Laszlo sagte ihr, daß wir doch angeru­fen hätten, und sie antwortete, daß sie keine Lust hätte, mich zu treffen. Ich rief sie nochmals mit Hilfe eines Zivildieners an, und sie sagte mir, sie wolle mich nicht sehen.

Mir wurde schlecht. Eine Woche lag ich im Bett.

Danach rief ich nicht mehr an.

Im August bekam ich von ihr einen Brief, ich solle sie mit Laszlo besuchen. Zu der Zeit war ich gerade eine Woche im Krankenhaus. In diesem Monat kündigte Laszlo. Aus diesen Gründen besuchte ich sie nicht.

 

Mirko wollte Simone gerne kennenlernen. Wir riefen sie an, ob sie mit uns essen gehen möchte. Sie sagte, sie hätte keine Zeit. Mirko fragte, ob sie nächste Woche mitgehen könnte. Sie sagte: "Vielleicht." Seitdem habe ich sie nie mehr angerufen.

 

 

 

26. KAPITEL

 

 

Mutter und Vater

 

 

Meine Mutter stammt aus einer türkischen Bauernfamilie. Sie kann nicht schreiben und nicht lesen, weil damals die Mädchen aus traditionellen Gründen nicht in die Schule geschickt worden sind. Jetzt besteht schon seit langem Schulpflicht für alle, was ich sehr gut finde.

 

Meine Mutter meint, daß es für mich und für sie besser wäre, wenn ich stürbe. Aber daran habe ich mich ge­wöhnt, weil sie wegen ihrer Unwissenheit meine Behinderung nicht versteht. Trotzdem finde ich daran etwas Positives, daß sie mich für geistig normal hält. Ich kannte einen Schulkollegen, dessen Mutter uns wie zwei Kleinkinder behandelte, obwohl wir beide schon neunzehn Jahre alt waren.

 

Mein Vater ist auch ein Bauernsohn. Aber im Gegensatz zu meiner Mutter kann er lesen und schreiben. Er hat die Volksschule in der Türkei besucht. Er hat sich frü­her wenig um mich gekümmert. Zum Beispiel gingen er und mein Bruder im Sommer schwimmen, und ich mußte draußen sitzen, nur weil ich nicht selbständig war. Weil ich nicht wie sie aussah, nahmen sie mich nicht mit, und ich hatte ein Gefühl, daß sich mein Vater und mein Bruder wegen meiner Behinderung schämten. Wenn ich mit meiner Schwester spazieren ging, starrten uns die Leute an, als ob meine Schwester einen Außerirdischen spazie­ren führte. Vielleicht nahmen mich mein Vater und mein Bruder aus demselben Grund nicht mit.

 

Aber was kann ich dafür, daß ich so bin, wie ich bin?! Sie scheinen nicht wahrhaben zu wollen, daß ich genauso ein Mensch bin wie sie und kein Außerirdischer von ei­nem anderen Planeten!

 

Ich habe immer geglaubt, daß die Eltern aller Behinderten so seien wie meine.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

27. KAPITEL

 

 

Schwestern

 

 

Ich habe zwei Schwestern.

Die eine heißt Hava, die andere Ayse. Die kleine geht in die Hauptschule, die große arbeitet in einer Fabrik. Hava will Polizistin werden. Die beiden sind sehr ver­schieden, wenn es um mich geht. Ayse ekelt sich vor mir, Hava aber nicht so sehr. Hava beschäftigt sich sehr viel mit mir, Ayse hingegen zeigt wenig Interesse.

 

Wenn ich etwas zum Trinken brauche, dann sagen sie, ich solle es selber holen. Das ist mir aber leider nicht möglich. Aber wenn ich deswegen sehr laut werde, dann bringen sie es mir endlich. Hava macht mit mir oft sehr lustige Sachen, z. B. waren wir in der Türkei und wan­derten, von einer ganzen Schar Kinder begleitet, durch das Dorf. Hava erklärte den Kindern, ich wäre ein Professor und hätte einen Unfall gehabt. Die Kinder glaubten es, und mich schüttelte es deswegen vor lauter Lachen.

Die Jüngere kümmert sich mehr um mich, weil sie um mich herum aufgewachsen ist. Die ältere hat fünf Jahre lang die Volksschule in der Türkei besucht und hat deshalb keinen Bezug zu mir.

 

Wenn die Kleine mit mir spazieren geht, fragen die Leute, ob ich ihr Bruder wäre. Dann sagen sie ihr, wie lieb sie ist. Meistens stecken sie uns Geld zu. Aber die Leute wissen gar nicht, wie wir das hassen.

 

 

 

28. KAPITEL

 

 

Rollstühle

 

 

Für mich bedeutet der Rollstuhl das, was für andere Menschen die Beine sind. Meinen ersten Rollstuhl bekam ich erst, als ich dreizehn Jahre alt war. Mit ihm war ich verhältnismäßig sicher unterwegs, gefährlicher wurde es dann mit meinem zweiten Rollstuhl, der am Rad eine Vorrichtung hatte, durch die man sich selbst fort­bewegen konnte; natürlich versuchte ich immer, allein herumzufahren. Mein erster Unfall geschah, als ich meine Mutter bat, mich zu einem nahegelegenen Pavillon zu schieben, um dort ein paar Runden um den Pavillon drehen zu können.

 

Meine Mutter ließ mich allein; die ersten Runden ging alles gut, aber dann kippte ich an einer abschüssigen Stelle um, weil ich nicht rechtzeitig bremsen konnte. Dabei schlug ich mit dem Kopf am Boden auf, und obwohl ich keine offene Wunde hatte, war ich doch einen kurzen Moment bewußtlos, und als ich wieder zu mir kam, hatte ich große Schmerzen und starke Übelkeit. Glücklicherweise kam ein alter Mann vorbei, der mich aufhob. Mir war so schlecht, daß ich mich bei ihm lei­der nicht einmal bedanken konnte.

 

Dieser zweite Rollstuhl wurde nicht sehr alt: als mich einmal der fünfzehnjährige Sohn einer Freundin meiner Mutter schob, stürzten wir beide auf einem abwärtsfüh­renden Weg, er fiel unter den Rollstuhl, weil er mich noch stützen wollte. Wir hatten beide starke Abschürfungen und bluteten, und beim Rollstuhl war der Rahmen gebrochen, und ich bekam einen neuen. Aber auch den alten, kaputten Rollstuhl haben wir noch einmal ge­flickt. Er steht jetzt bei Verwandten in der Türkei, und ich verwende ihn, wenn ich dorthin auf Besuch komme.

 

Meinen gefährlichsten Unfall hatte ich mit meinem er­sten elektrischen Rollstuhl. Er hätte mich das Leben gekostet, wenn ich etwas weniger Glück gehabt hätte. Ein kleiner Spaziergang mit einem Begleiter führte mich einen steilen Weg durch einen Wald hinauf; durch einen plötzlichen Krampf in den Füßen legte ich den Getriebehebel von 'Fahren' auf 'Schieben' um - nor­malerweise gelingt mir das nicht, selbst wenn ich es will -, und der Rollstuhl rollte immer schneller wer­dend rückwärts den Weg hinunter; mein Schreck war so groß, daß ich ganz vergaß, die Bremse zu betätigen.

 

Der Rollstuhl geriet an den Straßenrand und auf den Waldboden und kippte um. Sekunden später flitzte ein Auto an der Stelle vorüber, das hat mir später mein Begleiter erzählt. Während ich diese etwa zwanzig Meter rückwärts rollte, hatte ich Angst wie noch nie zuvor. Aber wie gesagt hatte ich Glück, denn ich verletzte mich nur leicht, ein paar Rippen waren geprellt. Der Rollstuhl war allerdings beschädigt, der Rahmen war et­was verzogen, und ein Rad hatte einen schweren Achter. Aber er konnte repariert werden.

 

Nach dem Unfall mußte ich zuerst lachen, aber kurze Zeit später war ich dann sehr traurig. Denn der elek­trische Rollstuhl bedeutete mir sehr viel. Das kann man sich nur vorstellen, wenn man weiß, was es bedeutet, sich immer nur mit der Hilfe anderer bewegen zu können und immer darum 'bitten' zu müssen. Mit dem elektri­schen Rollstuhl war es mir zum ersten Mal möglich, mich in einem gewissen Rahmen selbständig fortbewegen zu können, ein bißchen beweglicher zu sein.

 

Natürlich bin ich über meine Rollstühle froh, aber man könnte an ihnen doch einige Dinge verbessern: ich habe z. B. immer mit dem Sitzen Schwierigkeiten; innerhalb einiger Minuten rutsche ich immer nach vorn, und kein Gurt kann das wirklich verhindern. Aber vielleicht würde es besser, wenn man statt des Polsters, auf dem ich sitze, einen steiferen Sitzkeil verwendete, minde­stens so hart wie eine harte Matratze. Vielleicht würde es auch nützen, wenn man in die Sitzfläche ein Loch schneiden würde , gerade so groß, daß man beim Sitzen, indem man mit dem Hintern etwas durchhängt, fixiert wird. Wenn dann noch die Ränder mit Schaumgummi oder ähnlichem gepolstert würden, müßte man ganz gut sitzen, denke ich. Eine andere Lösung wäre, wenn man auf die Sitzflächen meiner Hosen zwei Streifen Klettverschluß kleben würde und auch auf das Polster, das natürlich auch befestigt gehört; auch dadurch würde das ständige Verrutschen verhindert, glaube ich.

 

Wichtig wäre auch, daß scharfe Kanten mit Gummi oder weichem Plastik verkleidet würden. Bei meinem elektri­schen Rollstuhl habe ich z. B. immer Angst, daß einmal meine Füße in die Räder geraten. Eine einfache Blechverkleidung könnte das wirksam verhindern.

 

 

 

29. KAPITEL

 

 

Bad und WC

 

 

Die meisten Badezimmer und WC's sind so eng gebaut, daß ich kaum hinein komme. In Kärnten waren ich und andere Behinderte mit unseren Betreuern Eis essen. Ich mußte dann mal auf die Toilette. Felix, mein Betreuer, brachte mich hin, und wir brauchten eine Stunde, bis ich auf dem Klo war. Felix schwitzte, daß sogar sein T-Shirt naß war.Als ich fertig war und wieder bei den anderen zurück, fragten die uns, ob ich Felix angepißt hätte.

Die meisten Klos haben die Tür nach innen aufgehend, und das ist für mich eine zusätzliche Schwierigkeit. Einmal passierte es mir, daß mir die einwärtsgehende Tür zufiel, als ich auf dem Klo saß. Ich fiel dann her­unter, und meine Betreuer brauchten drei Stunden, bis sie mich herausholen konnten, da ich ja genau vor der Türe lag. Angst hatte ich keine, aber ich hatte mir beim Stürzen weh getan.

Ich finde, jedes Wirtshaus sollte ein behindertenge­rechtes WC haben.

 

 

 

30. KAPITEL

 

 

Badewanne

 

 

Bevor ich in die Lebenshilfe kam, hatte ich zu Hause keine Badewanne, weil unsere Wohnung zu klein war. Meine Mutter badete mich in einem Holztrog, und jedes Mal gab es eine Überschwemmung. Als ich noch kleiner war, machte das meine Mutter dreimal in der Woche, und es tat mir sehr weh, weil ich mit den Füßen nicht genug Platz hatte.

 

Eines Tages - es war im Winter - badete mich die Mutter neben dem Ölofen, und ich machte plötzlich eine ruckar­tige Bewegung. Dabei stieß ich mit den Füßen an den Ölofen. Die ganze Fußsohle verbrannte ich mir. Die Heilung dauerte etwa sechs Monate lang, da ich meine Beine nicht kontrollieren konnte und überall anstieß. Mit dem zweiten Fuß kratzte ich die Wunde immer wieder auf. Das tat mir verdammt weh. Ich wollte immer verste­hen, wieso die alten Häuser keine Badewanne haben.

 

Dann schlugen unsere Nachbarn mir vor, daß ich mich bei ihnen baden könnte. Ich hatte schon gewußt, daß es Badewannen gibt, ich hatte sie im Fernsehen gesehen. Dann ging ich zu unseren Nachbarn baden. Man kann es sich nicht vorstellen, wie fein so eine Badewanne ist, weil man genug Platz für die Füße hat und keine Angst haben muß, herauszufallen. Das muß man erleben, um zu wissen, wie man sich da fühlt.

 

 

 

31. KAPITEL

 

 

Schwimmbad

 

 

Mein Bruder hat mich noch nie zum Schwimmen mitgenom­men. Zum erstenmal war ich in der Schule Mäder im Schwimmbad. Es gefiel mir sehr gut. Es war so: für ein Jahr lang konnte ich jeden Mittwoch entweder schwimmen, fotografieren oder kochen. Ich hatte mich für den Schwimmunterricht entschieden. Es tat mir besonders we­gen meiner spastischen Muskeln gut.

 

Dann war ich nach der Schule auf dem Neuburg-Ferienlager. Dort ging ich schwimmen. Es waren auch noch drei andere Rollstuhlfahrer dabei. Ich sagte den Betreuern, sie könnten mich einmal ins Wasser werfen, und die anderen sollten mich dann wieder aus dem Wasser herausholen. Ein Betreuer machte es. Von den anderen traute sich niemand, es zu tun. Die Betreuer trauten es mir auch nicht zu, und sie sagten mir nachher, daß es ungefähr dasselbe sei, wie wenn man einem Nichtbehinderten die Füße und Hände zumsammenbindet und ihn dann ins Wasser wirft. Ich war ungefähr 20 Sekunden unter Wasser, das kann ich locker aushalten.

 

Als ich in der Lebenshilfe war, passierte mir folgen­des: der Betreuer setzte mich an den Rand des Schwimmbeckens. Er fragte mich, ob ich mich ein paar Sekunden selber halten könne. Ich bejahte, und der Betreuer wollte ein wenig schwimmen. Ich bekam einen Krampf und ließ los. Es waren mehr als zwanzig Sekunden, die ich unter Wasser war, bis mich mein Betreuer herausholte. Mir war so schlecht, weil ich so viel Wasser verschluckt hatte, beinahe hätte ich ge­kotzt.

 

Es gibt bei der Lebenshilfe im Schwimmbecken eine grüne Matte, worauf man im Wasser liegen kann. Darauf legte mich mein Betreuer, und es ging ein paarmal gut. Einmal fiel ich von der grünen Matte herunter, ich konnte mich an der Matte noch festhalten und nach Luft schnappen. Als mein Betreuer das sah, tauchte er gleich, um mich zu suchen.

 

Ich finde, daß das Schwimmbecken in der Lebenshilfe Alarm geben sollte, wenn man untergeht, oder daß es eine Luftmatratze geben sollte, die man sich um den Körper binden kann, ohne daß der Kopf untergeht.

 

 

 

32. KAPITEL

 

 

Meine Zukunftspläne

 

 

Süleyman Kurt       

geb. 1. 8. 1967

Staatsbürgerschaft: Türkisch

in Österreich seit: 1977

Schicksal: spastisch gelähmt

 

 

Von 1977 bis 1982 war ich zu Hause in Klaus,

von 1982 bis 1985 im Schulheim Mäder,

von 1984 bis 1989 zu Hause;

seit 7. 7. 1989 in der Lebenshilfe Batschuns,

seit 3. 9. 1992 im Wohnheim Hörbranz,

seit 5. 9. 1992 Arbeit in der Förderwerkstätte Wolfurt.

 

 

Meine Zukunftspläne

 

 

* Schulabschluß.

* Einen Beruf erlernen (Programmierer).

* In einem Büro arbeiten.

Wie ich mir das vorstelle:

Die Sekretärin schreibt Briefe, Arbeiten ab, und ich verwalte die Texte. Z. B. Geheimcodeworte oder Tabellenkalkulationen, Abrechnungen, Databank verwal­ten.

* (Geheimnisse bewahren, nur ich kann ins Programm hinein, Adressenlisten verwalten) usw.

* spastikergerechte eigene Wohnung

 

 

* "Gastarbeiterdolmetscher";

kommt auf meine Sprache an, wie gut ich reden können muß.

* In einer Fabrik die Kassaabrechnung machen - mit dem Computer natürlich.

* In der Lebenshilfe Übersetzer für türkische Familien bzw. türkische Behinderte (Es sind jedoch wahrschein­lich nicht viele, deshalb erscheint mir das nicht als "die" Lösung.)

* Beim Institut für Sozialdienste als Dolmetscher. Jedoch erst, wenn ich gut Deutsch kann.

 

 

GENAUE ÜBERLEGUNGEN

 

Schulabschluß

 

Super wäre ein Abschluß -

Dazu brauche ich ca. 4 - 5 Jahre.

Wer arbeitet mit mir in dieser Zeit?

Warum Schulabschluß?

Ohne Schulabschluß kann ich keinen Beruf erlernen.

Zur Geschichte: in der Beschützenden Werkstätte arbei­tete ich ziemlich viel mit C. (Rechnen + Schreiben), dann kam E. (Betreuerin). Sie war Lehrerin und brachte mich auf die Idee, den Schulabschluß zu machen, und er­kundigte sich beim Landesschulinspektor, ob es eine Möglichkeit für mich gäbe, den Abschluß zu machen, ohne die Schule besuchen zu müssen. Der Schulinspektor setzte sich daraufhin mit dem Schulheim Mäder in Verbindung. Es wurde mir ein offizielles Ja mitgeteilt (von meinem ehemaligen Lehrer G. und meinem Schuldirektor M.).

Nachdem C. gekündigt hatte, arbeitete E. mit mir wei­ter, jedoch nicht sehr lange, denn sie erwartete ein Baby. Dann arbeitete M., die neue Betreuerin, mit mir weiter.

Einige Monate darauf besuchten mich meine Lehrer aus Mäder, und ich entschloß mich, mit dem Fach "Deutsch" anzufangen. Ich wollte das für mich schwierige Fach hinter mich bringen. Dann wechselte ich in die Dauerwerkstätte, und bald darauf bekam ich einen Computer.

In der Dauerwerkstatt arbeitete D. (Praktikantin) mit mir an meinem Deutschabschluß, und L. lehrte mich am Computer ein. Nachdem D. nach Dornbirn gewechselt hatte, versuchte ich, A. als meine Lehrerin zu gewinnen. Dies gelang mir auch, und heute arbeiten wir dreimal pro Woche jeweils einen Vormittag und pauken Deutsch, Deutsch, Deutsch!!!

 

In den letzten zwei Jahren arbeiteten fünf verschiedene Personen mit mir. Als stressig empfand ich manchmal den ständigen Wechsel von Betreuern, trotzdem lernte ich viel.

 

 

Die zukünftige Situation ist folgende:

 

Im Herbst '92 ist A. eventuell nicht mehr in der DW, oder ich ziehe möglicherweise nach Hörbranz. Das heißt, ich stehe wieder einmal ohne Lehrer da.

Frage: Wer arbeitet dann mit mir?

 

Möglichkeiten:

 

- der neue Schüler (wenn überhaupt einer kommt) in der Dauerwerkstatt

- Die Situation in Hörbranz ist mir im Moment noch un­klar und unbekannt.

- Einen pensionierten Lehrer mit dem Abschluß beauftra­gen (Finanzen und Kosten)

(Inserat in der Zeitung, ich kann ungefähr ÖS 300,-- ausgeben.)

- nur die Deutschstunden in Mäder besuchen (Dazu brau­che ich einen Fahrer, der mich hinunter bringt und wie­der holt.). (Vertrag machen mit dem Behindertentaxi; wären in der Woche ca. ÖS 200,--)

 

...oder etwa den Schulabschluß ganz sein lassen ?!

 

Frage: Was kann ich dann von meinen Plänen noch ver­wirklichen?

Bei diesem Gedanken würde es mir sehr schlecht gehen, weil ich dann nie erreichen kann, was ich mir vorgenom­men habe. Ich werde alles durchsetzen, um diesen Abschluß zu erreichen.

 

Einen Beruf erlernen

 

Warum?

 

- Weil ich ohne Arbeitsanstellung in einer Firma nicht in Österreich bleiben kann.

- Weil ich allen, besonders meinen Eltern, beweisen will, daß ich auch etwas kann und selbständig werden kann.

- Weil ich eine Beschäftigung will. In der Türkei würde ich nur Sterne zählen und die Sonne anschauen.

- Das Programmieren interessiert mich sehr.

Was heißt Programmieren: Programme entwerfen und damit arbeiten.

Ausbildungsmöglichkeiten gibt es zum Beispiel im Wirtschaftsförderungsinstitut.

- Die Bezeichnung für das, was ich möglicherweise tun kann, wäre 'EDV-Sekretär'.

 

Hätte ich einen Arbeitsplatz:

 

- Wer bringt mich dorthin? Wer holt mich ab?

- Wer geht mit mir auf's Klo?

- Wer gibt mir Mittagessen?

- Welche Firma gibt mir einen Job, bei dem ich meine Arbeitszeit selber einteilen kann, wo ich nicht unter einem Termindruck stehe?

 

Wofür steht der Schulabschluß?

Warum unbedingt Schulabschluß?

 

Weil ich ein stures Schwein bin. Weil ich beende, was ich angefangen habe.

Weil ich es E. und D. versprochen habe.

Weil ich es eben will. Weil ich beweisen will, daß ich es schaffe.

Weil ich sehr gut Deutsch können bzw. lernen möchte.

 

Zur Zeit habe ich die Möglichkeit, in Wolfurt für die Förderwerkstatt der Lebenshilfe Schreibarbeiten zu er­ledigen. Den Plan mit dem Schulabschluß muß ich gezwun­germaßen fallenlassen, weil ich in Wolfurt, wohin ich im September übersiedelt bin, keine Einzelbetreuung er­halte.

 

11. 7. 91 um 13.45 h

geht es mir folgendermaßen:

 

beschissen und miserabel, kann ich denn nichts tun?

 

größter momentaner Wunsch: ein Lottogewinn.

 

größte momentane Angst: als Nichts geboren und als

Nichts gestorben.

 

Seit end August 1992 wohne ich im Wohnheim Hörbranz,

 

Seit Anfang September 1992 bin ich in Wolfurt. Hier habe ich die Möglichkeit, Schreibarbeiten zu machen. Zu Beispiel Listen und Pläne für die Werkstatt und dergleichen.

 

Mein Tagesablauf:

 

Ich stehe um halb sieben Uhr auf. Bis ich angezogen bin, wird es sieben. Um sieben Uhr frühstücke ich. Dann rauche ich 'Eine', dann folgt die Morgentoilette. Um Viertel nach acht kommt der Bus von der Firma Weiss und holt mich in Hörbranz von der Wohngruppe ab.

Gegen Dreiviertel neun kommen wir in der Werkstatt an. In der Werkstatt ist es so, daß jeden Montagmorgen über das Wochenende erzählt wird. Was übers Wochenende getrieben wurde. Das dauert meistens bis zehn Uhr. Dann gibt es fünfzehn Minuten Pause. Nach der Pause, wenn ich Arbeit habe, arbeite ich daran. Ansonsten versuche ich, selbst ein bißchen zu programmieren, oder ich spiele. Einmal in der Woche gehe ich von der Werkstatt aus schwimmen. Um elf bekommen wir das Mittagessen von der Kantine im Güterbahnhof Wolfurt. Einmal in der Woche habe ich die Möglichkeit, auch in der Kantine zu essen - falls der Zivildiener mich nicht vergißt. Er muß zuerst das Essen für die Werkstatt holen und mich bei der Gelegenheit mitnehmen, wobei er mich auch einmal vergißt.

 

Nach dem Essen ist bis halb zwei Uhr Mittagspause. In dieser Zeit lege ich mich - nicht immer - hin. Das ist für mich deshalb so wichtig, weil ich den ganzen übrigen Tag sitzen muß. Nachdem ich fünfzehn Minuten lang ruhig gelegen habe, kommt Thomas und versucht, meine Knie durchzustrecken, damit ich nicht völlig gekrampft bin. Je älter ich werde, desto gekrampfter werden meine Muskeln. Nach dieser Prozedur gehe ich wieder an meinen Computer. Einmal in der Woche treffe ich mich mit einem Schulkollegen, der ungefähr dasselbe Leiden hat wie ich - und dasselbe Hobby, nämlich am Computer zu arbeiten. Klaus, der in Hard in der Werkstatt ist, ist 22 Jahre jung.

Von halb zwei bis halb fünf Uhr arbeite ich oder gehe mit den anderen mit Spazieren. Um ca. fünf Uhr komme ich in der Wohngruppe an. Dort trinke ich erst einmal eine Tasse Kakao und rauche eine Zigarette. Im Sommer gehe ich bei Schönwetter spazieren mit meinem elektrischen Rollstuhl, aber wenn es regnet, dann schaue ich fern bis um zehn. Dann gehe ich zu Bett.

 

 

Den Schulabschluß habe ich vollkommen fallen gelassen, weil ich nur von Zivildienern betreut werde. Und wenn ich mit einem Zivildiener angefangen habe zu lernen, innerhalb von zehn Monaten kommt wieder ein anderer, und es fängt von vorne an. Das bringt fast überhaupt nichts. Ich sollte mehrere Jahre lang intensiv einzelbetreut werden.

 

 

ALSO WAS KANN ICH DENN MACHEN - WAS?

 

 

33. KAPITEL

 

 

Persönliche Gedanken

 

 

* Bist du von den Menschen enttäuscht?

 

Es kommt darauf an, wie sie auf mich reagieren. Ich bin enttäuscht, wenn Menschen gleich glauben,  ich sei gei­stig behindert, und nicht mehr versuchen, mit mir zu re­den. Oder wenn sie denken, daß mich das Reden zu sehr anstrengt, und sie deshalb nicht mehr mit mir sprechen, obwohl es mich interessiert und ich mit ihnen diskutie­ren möchte.

 

* Was bedeutet dir die Natur?

 

In der Türkei konnte ich nichts anderes machen, als bei der Arbeit auf dem Bauernhof zuzuschauen. In Vorarlberg bin ich auch nur vor der Haustüre gesessen und habe Autos gezählt. Am liebsten habe ich den Sommer, weil es da warm ist und ich im Freien schwimmen kann. Das finde ich ganz toll.

 

* Liebe? (Ist sie nur dann schön,

* wenn sie in Erfüllung geht?)

 

Liebe ist, wenn es gegenseitig paßt. Ich bin nicht da­für, daß man mich bemitleidet und nur deswegen mit mir zusammen ist. Wenn ich verliebt bin, und es aber nicht klappt, akzeptiere ich's auch.

 

* Was ist für dich Gott?

 

Gott ist für mich jemand, der mich am Leben hält. Gott ist ab und zu wie ein Freund für mich. Wenn ich allein bin und ein Problem habe, versuche ich, mich mit einem Betreuer zu besprechen, und wenn der mich nicht ver­steht, rede ich mit Gott. Das tut ab und zu gut.

 

* Gibt es einen 'gerechten Zorn'?

 

Wenn ich wütend bin, werde ich oft nicht ernst genom­men. So haben meine Eltern und auch Freunde oft ge­lacht, wenn ich wütend war. Jetzt probiere ich's mit Humor, oder wenn ich enttäuscht werde, schimpfe ich und lache dazu.

 

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